DBZ 09/ 2006

Recht+Büro

     
     

Die weiße Wanne – mit oder ohne zusätzliche Abdichtung?

     

Die weiße Wanne als in sich dichtes Betonbauwerk ohne zusätzliche Abdichtung ist eine seit mindestens 30 Jahren bewährte (Standard-) Bauweise. Die einschlägigen technischen Regeln für Planung, Konstruktion und Bauausführung liegen zusammengefasst als Richtlinie des Deutschen Ausschuss für Stahlbeton vor.

 

 

Dennoch ist ein lang diskutiertes Thema durch das Urteil des Landgerichts Berlin vom 29.07.2005 (Az.: 34 O 200/05) und der diesbezüglichen Berichterstattung wieder aufgefrischt worden: Beton ist bekanntermaßen dicht gegen drückendes Wasser, jedoch in geringem Maße diffusionsoffen gegenüber Wasserdampf. Ist also die weiße Wanne deshalb für höherwertige Nutzung nur mit zusätzlicher Hautabdichtung geeignet? Dies ist nicht der Fall.
Vorgeschichte
Das Landgericht Berlin hatte in seiner Entscheidung auf der Grundlage eines gerichtlichen Sachverständigengutachtens der Schadensersatzklage eines Hausbesitzers gegen den Bauträger wegen aufgetretener Feuchtigkeitsschäden im Keller stattgegeben. Die Konstruktion des Kellers war in Form einer in der Entscheidung nicht genau beschriebenen „WU-Beton-Konstruktion“ ohne eine Installation von Heizkörpern im Keller, ohne zusätzliche Abdichtung der Kellersohle und ohne zusätzliche Wärmedämmung der Kelleraußenwände ausgeführt worden. Aufgrund insbesondere bei sommerlichen Temperaturen auftretender Kondensatbildungen im Keller und hiermit verbundener Schimmelpilzbildungen verklagte der Erwerber den Bauträger im Wege des Schadensersatzes für die Kosten einer nachträglichen zusätzlichen Abdichtung der Kellersohle in Höhe von € 8 700,00.
Das Landgericht Berlin führte in seiner Urteilsbegründung aus, „(...), dass bei der Herstellung eines Einfamilienhauses mit Kellerräumen die Ausführung des Kellers als reine WU-Betonkonstruktion ohne zusätzliche Abdichtung gegen aufsteigende Feuchtigkeit grundsätzlich nicht den vertragsmäßigen Anforderungen genügt.“ Weiter konstatierte die Kammer, „(...), dass der Vollkeller eines Familieneigenheims aufgrund des üblichen Nutzerverhaltens der Bewohner solcher Häuser prinzipiell eine hochwertige Nutzung im vorstehenden Sinne gewährleisten muss, wobei es nicht darauf ankommt, ob eine vollflächige Wohnnutzung im Sinne einer Souterrainwohnung stets hierunter fällt. (...) Zumindest muss die Lagerung von Speisen, Kleidung und anderen feuchtigkeitsempfindlichen Materialien möglich sein, ferner die Nutzung beispielsweise als untergeordneter Büroraum für die Erledigung des privaten Schriftverkehrs und Aufbewahrung privater Unterlagen.“
In der Berufungsinstanz vor dem Kammergericht Berlin verglichen sich die Parteien des Rechtsstreits, so dass es zu keinem weiteren Urteil zu diesem Themenkomplex kam, in dem die Auffassung des Landgerichts Berlin hätte überprüft werden können.
Technische Grundlagen
Schon in den 80er Jahren hatten Gertis und Grube nachgewiesen, dass bei der weißen Wanne innenseitig über Diffusion durch die Kapillarporen des Betons höchstens etwa 1/10 der Wasserdampfmenge herangeführt werden kann, die durch übliche Lüftung im normal genutzten Innenraum abtransportiert wird. Klopfer hat später dieses Verhältnis im Baualter von 1 bis 2 Jahren genauer mit ca. 1:20 angegeben. Die Autoren bestätigen somit die praktische Erfahrung, dass eine höherwertige Nutzung solcher Räume durchaus und uneingeschränkt möglich ist. Oswald hat in einer sehr umfangreichen Untersuchung an bestehenden Bauwerken gleiches festgestellt.
Alle früheren Autoren gehen für den Transport von Wasserdampf durch die Kapillarporen des Zementsteins davon aus, dass nach einer genügend langen Zeit in der Tat Wasserdampf von außen nach innen hindurchgeführt wird, mit der Folge, dass – wenn auch nur in geringem Ausmaß – die Luftfeuchte im genutzten Raum ansteigt.
Neuere Untersuchungen von Beddoe und Springenschmid zeigen jedoch, dass es bei genügend dicken Bauteilen (d ≥ 20 cm) und geeignetem Beton kommt zu Wechselwirkungen des Porenwassers mit den Zementphasen kommt, die zu einer deutlichen Reduzierung der kapillaren Weiterleitung führen. Es ergibt sich ein neues Bild, das der Deutsche Ausschuss für Stahlbeton seiner „WU-Richtlinie“ zu Grunde legt und in den Erläuterungen zur Richtlinie darstellt. Unabhängig vom außen anstehenden hydrostatischen Wasserdruck ist in der wasserberührten Bauteilwand von den in der Abbildung dargestellten Verhältnissen auszugehen:
Es bildet sich innenseitig ein Austrocknungsbereich von ca. 4 bis 8 cm Dicke, außenseitig eine etwa gleich dicke Zone der kapillaren Wasseraufnahme. Die beiden Bereiche überschneiden sich bei ausreichender Bauteildicke d ≥ 20 cm nicht. Es erfolgt kein Wasserdurchtritt von außen nach innen, auch nicht in Form von Wasserdampf.
Nach Abschluss der Austrocknungsphase findet eine Erhöhung der Raumluftfeuchte durch aus dem Beton in die Raumluft eindiffundierenden Wasserdampf praktisch nicht mehr statt.
Voraussetzung für die Gültigkeit des Modells ist die richtige Planung, Konstruktion und Bauausführung der weißen Wanne. Weitere Voraussetzung ist die Grundsatzforderung der WU-Richt-linie, dass durchgehende Risse bei höherwertiger Nutzung schon in der Planung entweder vermieden oder nachträglich sachgerecht verpresst werden müssen.
Bauphysikalische Gesichtspunkte
Die Richtlinie weist auch darauf hin, dass bei hohen Anforderungen zusätzliche „raumklimatische“ und „bauphysikalische“ Maßnahmen vorgesehen werden müssen. Hier geht es um Heizung und Lüftung bzw. um eine zusätzliche Perimeterdämmung, also um Anforderungen, die an die Wohnnutzung ohnehin gestellt werden.
In der Praxis werden häufig erhöhte Raumluftfeuchte oder gar sichtbare Wassertropfenbildung auf Wandoberflächen bemängelt. Man stellt oft fest, dass es sich hierbei um kondensierende Feuchte handelt. Bei fehlender Perimeterdämmung und sommerlicher Querlüftung im Keller bei warm-feuchter Witterung ist dieser Effekt zwangsläufig: Bei Wohnnutzung liegen die Raumtemperaturen in Kellerraum bei oder über 20°C, die Außentemperatur im erdberührten Bereich liegt um 8°C. Dadurch liegt – ohne zusätzliche Perimeterdämmung – innen die Oberflächentemperatur der Außenwand unterhalb der Taupunkttemperatur der Raumluft – mit der Folge, dass sich Tauwasser bildet. Bei nachträglichem Kellerausbau tritt dieses Problem häufig auf: Der Kellerraum wird heutigen Wohnansprüchen entsprechend ausgekleidet und mit dicht schließenden Fenstern versehen, die aber im Sommer geöffnet werden, um die warme Luft in den kalten Kellerraum einströmen zu lassen.
Auch eine nachträgliche Innendämmung ist bekannt problematisch: Es verbleiben die Wärmebrücken aus einbindenden Kellerwänden und häufig auch am Übergang zum Bodenbereich. Wenn zudem die Dampfsperre im Wandausbau fehlt, sind weitere Folgeschäden zu erwarten. Auch Kondensation auf nachträglich gefliesten Bodenflächen kann erwartet werden, wenn kein schwimmender Estrich, sondern lediglich Estrich auf Trennlage ausgeführt wurde oder die Dämmschicht beim schwimmenden Estrich unzureichend ist. Diese bauphysikalischen Gesichtspunkte gelten für alle Bauweisen.
Planungsgrundsätze
Die WU-Richtlinie unterscheidet zwei Beanspruchungsklassen:
Beanspruchungsklasse 1 (drückendes, nicht drückendes und zeitweise aufstauendes Sickerwasser), Beanspruchungsklasse 2 (Bodenfeuchte und nicht stauendes Sickerwasser) sowie zwei Nutzungsklassen: Nutzungsklasse A (dauernd trocken), Nutzungsklasse B (feuchte Stellen auf den Bauteiloberflächen sind in begrenztem Maße zulässig). Im Wohnungsbau ist praktisch ausschließlich Beanspruchungsklasse 1 und Nutzungsklasse A anzusetzen. Denkbare Ausnahmen sind zwangsbelüftete bzw. offene Tiefgaragen. Bei Nutzungsklasse A ist auch der Tauwasseranfall auf der Bauteiloberfläche nicht zulässig und somit eine Perimeterdämmung erforderlich. Das „Einsparen“ der Perimeterdämmung aus wirtschaftlichen Gründen für einzelne Kellerräume mit untergeordneter Nutzung ist wegen der immer möglichen späteren Nutzungsänderung grundsätzlich nicht zu empfehlen.
Weiterer Entwurfsgrundsatz sollte im Wohnungsbau immer sein: „Ohne Trennrisse“. Dann wird bei richtiger Planung und Ausführung ein durchgehender Spaltriss nur im Ausnahmefall vorliegen können und in jungem Betonalter eintreten. In der eigentlichen späteren Nutzung werden sich wegen der üblichen außenseitigen Erdanschüttung und Wasserbeaufschlagung keine weiteren Risse mehr bilden, da Temperaturwechsel und Trocknungsschwinden des Betons im Endzustand bei üblichen Konstruktionen vernachlässigbar sind. Ein Verpressen im Bauzustand ist ein den technischen Regeln entsprechendes und sinnvolles Verfahren. Im Bauzustand aufgetretene Risse sind also grundsätzlich zu verpressen, wenn die spätere Zugänglichkeit durch den weiteren Ausbau verloren geht.
Wesentliche Aufgabe des Planers ist die im Werkplan vorgegebene Art der Abdichtung aller Arbeitsfugen und Dehnfugen. Die WU-Richtlinie ordnet diese Aufgabe richtigerweise ausdrücklich dem Planer zu. Die vielfältig möglichen Abdichtungsarten unterscheiden sich wesentlich sowohl im Preis wie auch im Qualitäts-Standard. Die Entscheidung für das System der Fugenabdichtung kann deshalb grundsätzlich nicht in das Ermessen des ausführenden Unternehmens gestellt werden. Sie muss vom Bauherrn selbst nach sachkundiger Aufklärung durch seinen Planer entschieden werden.
Dies ist zunächst der Architekt als Gebäudeplaner. Ist zusätzlich ein Tragwerksplaner eingeschaltet, ist es dessen Aufgabe, da dieser dann als Sonderfachmann tätig wird.
Zusätzliche Abdichtung
Eine zusätzliche Abdichtung der Innenflächen ist nach den technischen Regeln nicht erforderlich. Auch eine vollflächig verklebte Bahnenabdichtung der Bodenflächen ist im Endzustand nicht erforderlich. Sie kann bei feuchtigkeitsempfindlichen Bodenaufbauten jedoch sinnvoll sein, da der Beton in der Austrocknungsphase – also innerhalb des ersten Jahres nach Beginn der trockenen Nutzung – bis zum Erreichen der Ausgleichsfeuchte noch Feuchtigkeit in Form von Wasserdampf in die Raumluft abgibt. Wichtig ist dieser Punkt z. B. bei geplanter Parkett-Verlegung, insbesondere wenn aus Gründen des Bauablaufs schneller Baufortschritt gefordert ist und im Ausnahmefall bei aufgeständertem Bodenaufbau, wenn die Aufständerung in Holz ausgeführt wird.
Abdichtung der Außenflächen
Auch diese ist nach dem Stand der Technik nicht erforderlich. Es wird darauf hingewiesen, dass für die Bausubstanz, also hier die weiße Wanne in Stahlbetonbauweise, jetzt von einer Nutzungsdauer ≥ 50 Jahren ausgegangen wird. Eine zusätzliche organische, z.B. bituminöse Abdichtung, wird eine solche Nutzungsdauer nicht erreichen. Eine Ergänzung der weißen Wanne in dieser Form ist schon aus diesem Grund wenig geeignet.
Mischbauweisen
Im kleineren Wohnungsbau wird oft die Bodenplatte aus Stahlbeton hergestellt, die aufgehenden Wände dagegen aus Mauerwerk mit zusätzlicher bituminöser Abdichtung, z.B. mit Kunstoffmodifizierter-Dickbeschichtung (KMB).
Die Bodenplatte ist dann insgesamt nach den technischen Regeln für die weiße Wanne, also nach WU-Richtlinie, herzustellen. Die häufige Annahme, dass es ausreiche, für diese „WU-Beton“ zu verwenden, trifft nicht zu. Die Schwarz-Abdichtung der aufgehenden Wände ist genügend weit über die Anschlussfuge Bodenplatte/ Wand herabzuführen. Diese Fuge ist abdichtungstechnisch der Schwarz-Abdichtung, nicht der weißen Wanne zuzurechnen. In der Praxis wird diese kombinierte Bauweise aus wirtschaftlichen Gründen gewählt.
Technisch ist die Bauweise aus den genannten Gründen zumindest ungünstig. Für den Planer bedeutet dies, dass die Mischbauweise vom Bauherrn selbst nach entsprechender fachlicher Aufklärung ausdrücklich akzeptiert bzw. gewünscht werden muss.
Zusammenfassung
Vor dem Hintergrund der vorstehenden bautechnischen Ausführungen wird deutlich, dass die Annahme des Landgerichts Berlin, dass eine Ausführung des Kellers eines Wohnhauses in Form einer „Weißen Wanne“ ohne zusätzliche Hautabdichtung grundsätzlich nicht den vertragsgemäßen Anforderungen genüge, da es bei einer solchen Konstruktion notwendig zu Feuchtigkeitserscheinungen kommt, unzutreffend ist.
Nach dem Stand der Technik ist vielmehr weder eine zusätzliche Abdichtung der Kellersohle noch der Kelleraußenwände erforderlich, da eine Wasserdampfdiffusion von außen nach innen bei richtiger Planung, Konstruktion und Bauausführung nicht stattfindet. Dem entsprechend bedarf es auch keiner diesbezüglichen Hinweise des Planers, Unternehmers oder Bauträgers gegenüber dem Auftraggeber bzw. Erwerber.
Prof. Dr.-Ing. Harald Sipple, Wenzenbach
Der Autor studierte Bauingenieurswesen an der Uni Stuttgart. Nach zahlreichen Tätigkeiten in der Lehre und der Wirtschaft arbeitet er seit 1988 als Professor für das Fach Baubetrieb (Schwerpunkt Rohbau/Betonbau, Bauschäden) an der Fachhochschule Regensburg sowie als Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger der IHK Regensburg.
RA Dr. Florian Krause-Allenstein, Hamburg
Der Autor ist Partner der Kanzlei Scholtissek Rechtsanwälte in Hamburg. Er ist spezialisiert auf Bau- und Architektenrecht, Autor zahlreicher Fachbücher und Fachartikel und Referent für Bauversicherungsrecht bei der Hamburgischen Anwalts- sowie der Architektenkammer.