DBZ 6/2003

     
     
     

Bauen mit Lehm

     

Wohnhaus im Hohen Venn/B

     

Lehm dient einer guten Raumluftregulierung in Wohnräumen. An der TU Berlin wurde festgestellt: "Im Mittel sind die Sorptionsmaxima der Lehmputze doppelt so hoch wie die der herkömmlichen Materialien." [1]

         
   

Im Zusammenhang immer geringerer Luftwechselraten durch immer bessere Dämmung wird diese günstige Wirkung von Lehm als Bau- und Ausbaustoff wichtig. Steigende Anforderungen an Wärmedämmung machen den alten Baustoff für anspruchsvolle Lösungen wieder attraktiv. Lehm ist mittlerweile ein High Tech-Baustoff, der auch als Fertigmischung verfügbar ist. Ehemals ein Baustoff aus dem eigenen Garten, preiswert zwar, aber qualitativ stark schwankend, ist Lehm technisch kalkulierbar geworden. Bei richtiger Verarbeitung ist der Baustoff witterungsbeständig und puffert Feuchtigkeitsschwankungen. Die sinnliche Qualität einer lehmverputzten Wand wird nicht leicht mit einem Zement- oder Kalkputz erreicht.
Lehmbauplatten, mit Schilfrohrmatten und Jute armiert und mit pflanzlichen und mineralischen Zuschlägen, dienen beim Innenausbau als träge Speichermasse für Wärme und Feuchtigkeit. Sie werden für Innenwände, Vorsatzschalen im Holzbau, für abgehängte Decken und für Dachgeschossausbauten verwendet.
Als Grundlage einer traditionellen Billigbauweise wurde Lehm in Mitteleuropa besonders in Notzeiten geschätzt. Der gesparte Brennvorgang gegenüber Ziegeln war ein wichtiger Faktor. Der knappe Brennstoff wurde für die direkte Wärmeerzeugung benötigt. Als unbeabsichtigter Effekt war daher bis in die Jahre um 1920 mit Lehmbau ein sozialer Makel verbunden. In Japan dagegen werden traditionell Luxusbauten, wie das Teehaus, bestimmte Einfamilienhäuser oder Restaurants aus Holz und Lehm gebaut.
Das Haus
Japanische Einflüsse finden sich auch in einem Einfamilienhaus am Rande des Hohen Venn in Belgien, dessen Ausbau vollständig mit Lehm ausgeführt wurde. Die Bruchsteinwand zur Straßenseite ist deutlich weniger verspielt, als bei seinen Nachbarhäusern und die anderen, mit unbehandelten Lärchenbrettern silbrig schimmernd verkleideten Fassaden lassen auch nicht auf seinen inneren Reichtum schließen. Das Äußere ist der rauen Landschaft des Hohen Venn angepasst. Nach den Vorstellungen der Bauherrenfamilie entwickelte die Architektin Rita Quérinjean um ein mit japanischen Gartenelementen gestaltetes Atrium herum ein Haus im Einklang mit der umgebenden Natur: Stein aus dem benachbarten Ort Waimes, Schiefer aus Luxemburg, Lärchen- und Apfelholz. Im Innern entfaltet sich der Reichtum einer japanisch inspirierten Luxus-Askese, in der alle Teile sowohl formal als auch funktional aufeinander abgestimmt sind.
Waschbecken und eine Badewanne aus Massivholz lassen sich nur in Räumen verwirklichen, deren andere Baumaterialien eine hohe feuchtigkeitsregulierende Wirkung haben und dadurch ein relativ stabiles Klima aufweisen. Michael Thönnes, der diesen Ausbau als Innenarchitekt und Tischler konzipiert und ausgeführt hat, entschied sich deshalb für den Einbau einer skulptural wirkenden Installationswand aus massivem, gestampftem Lehm mit einer Abdeckung durch einen Lavastein. Der Lehmblock wurde mit hydraulischen Stampfgeräten in einer Schalung an Ort und Stelle hergestellt.
Auch in den Spritzbereichen konnte dadurch hier auf Fliesen verzichtet werden. Die Gestaltung wurde angeregt durch die funktionale Notwendigkeit. Die gute Feuchtigkeitsregulierung von Lehm ist auch Anlass für den an einem anderen Ort konstruierten Brotschrank aus Lehm.
Die größte Masse Lehm befindet sich in diesem Haus, das in Holzständerbauweise errichtet wurde, als Putz auf einer Hypokausten-Wandheizung. Von einem Warmwasser-Wärmetauscher hinter der Sockelleiste streicht warme Luft innerhalb der zweischaligen Tonsteine nach oben, wird dort umgelenkt und fällt in der äußeren Wandschale wieder nach unten. So dringt nur die für Menschen angenehme Strahlungswärme in den Raum und es werden keine Staubpartikel aufgewirbelt. Die Sockelleiste wurde aus spiegelndem Aluminium gefertigt, was jede Assoziation an "Öko-Architektur" verhindert.
Die relativ lange Bauzeit von einem Jahr für ein weitgehend mit nassen Lehmmaterialen gebautes Haus ergibt sich aus den notwendigen Trocknungsphasen. Lehmbauenthusiasten ist das nicht unangenehm, weil sie ihr Haus so langsam "wachsen" sehen können. Für schnelleres Bauen gibt es Lehmbauplatten und so genannte Grünlinge, ungebrannte trockene Lehmsteine, die ohne Mörtel aufeinander gestapelt werden.
Bauherr: Brigitte & Klaus M. Luther
Objekt: Haus im Hohen Venn
Standort: Robertville
Nutzer: selbst
Bauleitung: Rita Quérinjean, Architecte, Waimes
Landschaftsarchitekt: Klaus M. Luther
Fachplaner: Rita Quérinjean, Architecte, Waimes
Tragwerksplanung: Belhomme, Ovivat
Innenarchitekt: Michael Thönnes, Waimes
Baudaten
Konstruktionsart: Holzfachwerk mit Lehm
Projektdaten
Grundstücksgröße: ca. 5000 qm
Bauzeit: 6/1997 bis 6/1998
Literaturangaben: [1] Heinz-Gerd Holl und Christof Ziegert: Vergleichende Untersuchungen zum Sorptionsverhalten von Werktrockenmörteln, in: Moderner Lehmbau 2002, Fraunhofer IRB Verlag 2002, S. 91ff.