DBZ 2/2004

     
     
     

Ein offenes Forum

     

Martin-Luther-King-Schule in Marl

     

Mit der Erweiterung der Gesamtschule ist in beispielhafter Zusammenarbeit zwischen Auftraggeber, Schulleitung und den Architekten ein Gebäude mit lichtdurchfluteten Innenräumen und hohen städtebaulichen Qualitäten gelungen.

         
   

Wer die Martin-Luther-King-Gesamtschule in Marl-Lenkerbeck besucht, der wird Mühe haben, die Zusammenstellung aus baufälligem Bestand und dem vor kurzem durch die Kresing Architekten aus Münster fertig gestellten Erweiterungsneubau als Teile der gleichen Einrichtung zu identifizieren. Und in der Tat, die Anordnung hat lediglich temporären Charakter: Schon im Sommer 2005 soll der noch bestehende Altbauriegel abgerissen und in einem zweiten Bauabschnitt durch einen weiteren Neubau ersetzt werden.
Die Ursprünge dieser umfangreichen Planung reichen zurück bis ins Jahr 1994, als die Erweiterung der Schule von vier auf sechs Züge mit eigener Oberstufe genehmigt und gleichzeitig festgelegt wurde, dass auch die Schüler aus dem zweiten Standort der Schule, einem zwischen 1960 und 1968 durch Hans Scharoun geplanten Bau im Stadtteil Drewer, hier in der Georg-Herwegh-Straße, untergebracht werden sollten. Ziel war es, die heterogene Struktur der Schule neu zu ordnen und zu einer funktionierenden Gesamtanlage zusammenzuführen. Anfänglich war dabei vorgesehen, den Erweiterungsbau hinter die alte Schule zu platzieren und diese aufwendig sanieren zu lassen. Doch das mit der Planung beauftragte Büro Kresing Architekten schlug stattdessen vor, den Altbau abzureißen und in einem zweiten Bauabschnitt durch eine zusätzliche Erweiterung zu ersetzen.
Und auch bei der Planung des bereits realisierten ersten Erweiterungsbaus konnten sich die Architekten durchsetzen: Statt ihn wie ursprünglich geplant hinter dem Bestand zu verstecken, positionierten sie ihn demonstrativ als zentralen Blickfang. Eine einfache und klare Lösung mit überzeugendem Ergebnis - denn der zur Georg-Herwegh-Straße zweigeschossige und nach Osten dem Charakter des abschüssigen Grundstückes entsprechend dreigeschossig ausgebildete Neubau nimmt nicht nur die geforderten acht Unterrichtsräume, 13 Fachräume sowie zusätzliche Büros und ein Lehrerzimmer auf, sondern ermöglichte durch eine intelligente Anordnung der Gebäudekörper zudem, eine zentral gelegene multifunktionale Aula für 300 Personen zu integrieren, ohne dabei das vorgegebene Gesamtbudget zu überschreiten.
Konstruktion
Schon von weitem überzeugt der als gemischte Stahlbeton-Sichtmauerwerkskonstruktion ausgeführte Neubau durch seine Offenheit und Transparenz. Als zentraler Blickfang und repräsentative Eingangssituation fungieren dabei die rhythmisch intelligent gegliederten Frontfassaden in Richtung Süden und Westen mit ihrem lebendigen Zusammenspiel aus unterschiedlich großen Fensterflächen, Birkenholz-Paneelen und mit Birkenholz beplankten Parallelausstellfenstern. Einen zusätzlichen Kontrast schafft die ungewöhnliche Gestaltung der angrenzenden Stahlbetonfassaden, auf denen eine 14cm starke mineralische Wämedämmung aus anthrazitgrauem, besplittetem "Spar-Dash" die Anmutung einer Natursteinfassade erzeugt. Die Außenfassade zum nördlich angrenzenden Schulhof wurde dagegen als durchgehend transparente Aluminium-Glaskonstruktion mit holzbeplankter Aluminiumtür ausgebildet.
Eine ähnlich gelungene Gestaltung zeigt auch die übersichtliche Gliederung im Innenbereich der Schule, wo helle und lichtdurchflutete Klassenräume und Flure den Anspruch nach Begegnung, Austausch und Kommunikation dokumentieren. Unterstützt wird die einladende und freundliche Atmosphäre durch das Zusammenspiel zwischen Innenwänden aus 24cm starkem, orangefarbenem Verblendmauerwerk und dem in sämtlichen Räumen sowie in den Fluren verwendeten Eichen-Industrieparkett. Als funktionsspezifische Einbauten fügten die Architekten in enger Zusammenarbeit mit der Schulleitung speziell angefertigte Garderoben und Lehrmittelschränke mit integrierter Lüftung sowie ein Schülercafé ein.
Zentraler Treffpunkt der erweiterten Martin-Luther-King-Gesamtschule ist die durch ein einfaches Auseinanderziehen des Baukörpers geschaffene und durch eine Glasdachkonstruktion aus Stahlbindern überdeckte Aula. Durch eine spezielle Verdunklungsanlage sowie zwei Bühnenrahmen können hier neben dem Unterricht im Fach Musik auch Versammlungen, Theater-Aufführungen oder Konzerte stattfinden. Darüber hinaus wurde die Aula ganz bewusst als öffentliches Forum konzipiert - als ein Stück "Stadt in der Stadt" gewissermaßen, das mit seiner offenen und angenehm lichten Atmosphäre auch als Ort für öffentliche Veranstaltungen genutzt werden kann. Statt die sonst übliche Trennung zwischen Schule und Umfeld fortzuführen, setzten die Architekten damit eindrücklich auf einen lebendigen Dialog, der gleichzeitig wichtige Impulse für neue Aktivitäten geben soll. Ein Ort, der Mauern einreißt also - ganz im Sinne Martin Luther Kings.
Mitarbeiter: Guido Becker, Jens Duwe, Ernst Schuppe
Projektleitung: Stefan Fuchs
Bauherr: Stadt Marl, Stadtbetrieb Immobilienwirtschaft
Objekt: Martin-Luther-King-Gesamtschule
Standort: Marl-Lenkerbeck
Bauleitung: Ernst Schuppe
Planung/Bauleitung: Dipl.-Ing. Architekt Rainer M. Kresing
Kresing GmbH, Ges. f. Architektur & Planung mbH
Tragwerksplanung: Gantert + Wiemeler Ingenieurplanung
Techn. Gebäudeausrüstung: Ingenieurgesellschaft Feldmeier
Fassadentechnik: Kresing Architekten/Fa. Schüco
Lichtplanung: Feldmeier/Kresing Architekten
Konstruktionsart: Massivbau
Grundstücksgröße: 5870qm
Nettogrundfläche: 3155qm
Hauptnutzfläche HNF: 1950qm
Nebennutzfläche NNF: 440qm
Funktionsfläche FF: 110qm
Verkehrsfläche VF: 655qm
Brutto-Geschossfläche BGF: 4415qm
Gesamtkosten: 7 Mio.EUR