DBZ 2/2004

     
     
     

Schule ist nicht doof

     

Schule und Kindergarten in Remerschen/L

     

Am Eingang der Ortschaft gegenüber der Gemeinschaftskellerei und neben der neu errichteten Turnhalle ist ein Schulkomplex bestehend aus einer Vor- und Grundschule für alle Kinder der drei Gemeinden Schengen-Remerschen-Wintringen entstanden.

         
   

"Schule ist doof", sagen die Lehrer. Sie schreiben es zwar nicht mit Filzstift auf Tische und Taschen, aber wenn man sich mit ihnen unterhält, gibt es kaum einen, der nicht dieser Meinung ist. Stress, Überforderung, Autoritätsverlust, psychischer Druck: am liebsten ließen sich viele früh pensionieren. Bis dahin sind es aber meist noch ein paar Jährchen, und die übersteht man am besten, wenn man sich die terroristische Vereinigung genannte Schulklasse so weit wie möglich vom Leib hält.
"Schule ist prima", finden die Schüler. Sie sagen es zwar nie und sehen so aufmüpfig drein, wie es eben sein muss, aber irgendwas muss man ja machen, und in der Schule kann man für das Leben lernen: wie man sich durchmogelt, was man besser nicht noch mal macht, was man nicht oft genug machen kann, wie man sich Freunde und Feinde macht.
Den Grundschülern im luxemburgischen Remerschen werden von ihrer Schulzeit vielleicht mehr als die Bildungslücken in Erinnerung bleiben und von Kindergarten und Vorschule mehr als der Geruch von Disziplin.
Entwurf
Der Gebäudekomplex aus Kindergarten und Vorschule mit vier Gruppenräumen und einer Grundschule mit zwölf Klassenräumen liegt am Ortsrand am Fuß eines Weinbergs und gegenüber der Gemeinschaftskellerei. Vielleicht werden es die Ausblicke auf die Kellerei oder auf die Landschaft sein, auf Weinberge und Wiesen, die durch einige farbig verglaste Fenster stark verfremdet sind, vielleicht die halben Gewölbekappen, aus denen die vorgefertigten Decken im Erdgeschoss gebildet werden, vielleicht die Sonnenstäubchen, die im Licht tanzen, das durch die Oberlichter der Klassenräume im Obergeschoss fällt, an die sich die Kinder aus Remerschen erinnern. Auf jeden Fall werden sie nicht vergessen, dass man ihnen mit diesem Schulkomplex zwei Häuser zur Verfügung gestellt hat, mit denen sie nicht rundheraus als unsensible Vandalen abgestempelt wurden, geplant von Architekten, die offensichtlich noch genau wussten, oder wieder gelernt hatten, dass Schüler vor allem ernst genommen werden wollen. Vielleicht hat es auch den Ehrgeiz der Architekten Hermann & Valentiny angestachelt, dass sie im selben Ort in Sichtweite des neuen Schulkomplexes leben und arbeiten.
Die Materialien Holz, Beton und Glas wurden hier zwar roh, gleichzeitig aber mit viel Feingefühl verwendet. Dies hat positive Folgen: Die kunstvoll inszenierten Gussreste der Lattenschalung fordern keine "Verschönerung" durch Graffiti heraus, die hölzernen Wandtäfelungen keine Schnitzkünste, die Glasflächen kein Scratching. Auch außen sind Vorplätze und gedeckte Pausenbereiche mit unbehandelten Holzbohlen belegt.
Entgegen ihrer traditionellen Verwendung sind die verglasten Flächen der Wände nicht zu öffnen, dafür können die hölzernen Elemente zum Lüften aufgestellt werden. Es ist ein Leichtes, mit Schiebetüren und Einbauschränken je nach Bedarf leichte Raumveränderungen vorzunehmen. Das Dach folgt nur den groben Umrissen des Grundrisses der Schule und ragt an allen Seiten weit aus. Zweimal knickt dieser Grundriss rechtwinklig ab. Auch jeweils zwei Klassen und ein gemeinsam zu nutzender Sonderklassenraum sind rechtwinklig einander zugeordnet. Durch schräg verlaufende Wände von Musiksaal, Bibliothek, Lehrerzimmer, Verwaltung und Toiletten entstehen zwischen den Klassenzimmern Räume, die keine reinen Verkehrsflächen sind. Sie öffnen bzw. verengen sich zu wohnlichen Maßen und bieten so die Möglichkeit, die vielleicht wichtigsten Zeiten des Aufenthalts an einer Schule aktiv zu verbringen: die Pausen.
Zwergschulen kommen in Kindheitserinnerungen gut weg. In Wirklichkeit ist ihr Lehrangebot problematisch, die Anforderungen ans Lehrpersonal erheblich. Kleinere Gemeinden legen daher auch ihre Grundschulen zusammen. Das bedeutet für einen Großteil der Schüler, auf den Schulbus angewiesen zu sein. Im neuen Schulkomplex in Remerschen werden auch Kinder aus Schengen und Wintrange belehrt. In ihrer neuen Schule werden sie mit einem großen Vordach empfangen.
Ein Hochbett-Effekt kommt in den Gruppenräumen des Kindergartens und der Vorschule zum Einsatz. Auf zwei Ebenen spielt es sich leichter als auf nur einer. Die Materialien entsprechen denen, die an der Schule verwendet wurden. Die Architekten verweisen auf Erweiterungsmöglichkeiten, die oberhalb eines eingeschossigen Teils dieser Vorschule bestehen. Dass der Freiraum unter dem aufgestelzten Dach den idealen Schutz bietet, aber jemals mit zusätzlichen Gruppenräumen zugebaut werden wird, ist kaum zu erwarten. Schließlich handelt es sich auch um einen metaphorischen Freiraum, der den luxemburgischen Kindern hier gewährt wird und wer wollte ihnen den nehmen?
Mitarbeiter: Josef Benzmüller, Katja Norwig, G.G. Kirchner
Projektleiter: Daniela Flor, Werner Feltes
Bauherr: Gemeinde Remerschen
Objekt: Grundschule und Kindergarten Remerschen
Standort: Gemeinde Remerschen/Luxembourg
Nutzer: Gemeinde Remerschen
Bauleitung: Daniela Flor
Landschaftsarchitekt: Hermann & Valentiny
Tragwerksplanung: Gehl & Jacoby
TGA: Goblet & Lavandier
Fassadentechnik: Fa. Annen
Lichtplanung: Hermann & Valentiny, Remerschen
Innenarchitekt: Hermann & Valentiny
Konstruktionsart: Sichtbetonfassade Holz/Glasfassade Innenwände Sichtbetonfertigelemente
Materialien: Beton, Holzverschalung aus Douglasie
Grundstücksgröße: 14200 qm
Nettogrundfläche Schule: 2560 qm
Nettogrundfläche Kindergarten: 915 qm
Nutzfläche NF: 3475 qm
Brutto-Rauminhalt BRI: 15000 cbm
Gesamt Brutto: 5300000 EUR
Euro/Hauptnutzfläche HNF: 1525 EUR/qm
Euro/Brutto-Rauminhalt BRI: 354 EUR/cbm
Bauzeit: 9/2001 - 4/2003