DBZ 4/2004

     
     
     

Offener Stilbruch

     

Apotheke in Amsterdam/NL

     

Das Spiel mit der Erwartung des Betrachters ist eines der wichtigsten Gestaltungsmittel. Beim Umbau der Apotheke De Lairesse platzierten die Architekten einen unbehandelten Baumstamm in den kreisrunden Verkaufsraum.

         
   

Bislang präsentierte sich die nur wenige Meter südlich des Amsterdamer Vondelparks gelegene und dort in einem dunklen Klinkerbau eingerichtete Apotheke De Lairesse eher konventionell. Doch inzwischen hat sich das Gesicht des Geschäftes radikal verändert: Denn nachdem sich die Besitzerin vor zwei Jahren zu einem veränderten Konzept entschieden und daraufhin das Amsterdamer Planungsbüro Concrete mit dem Umbau ihrer Apotheke beauftragt hatte, künden inzwischen schon die minimalisitisch hinterleuchteten Periodentafeln in den Schaufenstern von einem deutlichen Perspektivenwechsel. Die im Eingangsbereich gelegene linke Tafel fungiert dabei gleichzeitig als mobile Schiebewand: Tagsüber erscheint sie als illuminierte Lichtfläche im Laden, nach Ladenschluss wird sie einfach in Richtung Außenwand gerollt und der Eingangsbereich damit komplett geschlossen.
Neben der Lichtwand in Eingangsbereich treffen die Besucher zunächst auf ein raumhohes Bücherregal mit unterschiedlichsten Informationsmaterialien: "Die Auftraggeberin setzt mit ihrem neuen Geschäftskonzept ganz bewusst auf die Gleichwertigkeit von klassischer Schulmedizin und Naturheilkunde-Verfahren", erläutern die beiden Planer Gilian Schrofer und Rob Wagemans das neue Geschäftskonzept der Bauherrin. "Die Apotheke sollte daher ein halböffentlicher Raum sein, in dem die Besucher nicht ausschließlich als Kunden betrachtet werden, sondern in dem sie sich gleichzeitig selbstbestimmt über die verschiedensten Medikamente und Heilverfahren informieren können." Noch deutlicher als im Eingangsbereich, zeigt sich die Forderung nach Offenheit und Transparenz dann bei der Gestaltung des zentral gelegenen, kreisförmigen Verkaufsraumes, der sich mit seiner minimalistischen Reduktion auf wenige Elemente deutlich von gewöhnlichen Ladeneinrichtungen abhebt. Als wichtigste Möbel integrierten die Architekten ein dem kreisrunden Grundriss angepasstes hinterleuchtetes Medikamentenregal, eine kreissegment-förmige, scheinbar freischwebende Theke sowie eine mit schwarzem Leder überzogene und ebenfalls kreissegment-förmige Sitzbank. Direkt vor der Theke wurde außerdem ein rund drei Meter hoher Baumstamm eingefügt. Mit seiner fast surrealen Präsenz schafft er nicht nur einen sinnfälligen Bezug zum Thema "Naturheilmittel", sondern auch einen deutlichen Kontrast zu der ansonsten eher kühl und künstlich gestalteten Raumstimmung.
Eines der zentralen Gestaltungsprinzipien bei der Einrichtung des Verkaufsraumes war die Verwendung haptischer Oberflächenkontraste - ein Stilmittel, das sich am deutlichsten bei der Gegenüberstellung der kühlen Plexiglas-Elemente und dem roh belassenen Baumstamm zeigt. Die im Raum vorherrschende Farbe "Seegras-Grün" findet sich sowohl in dem mit bedruckten Gingko-Blättern gestalteten und anschließend mit transparentem Epoxidharz beschichteten Boden als auch in dem mit grünen Plexiglasfächern errichteten und durch 72 Röhrenlampen mit grünem Filter hinterleuchteten Medikamenten-Regal. Der gezielte Kunstlichteinsatz verstärkt die taktilen und sinnlichen Qualitäten der verwendeten Materialien und unterstreicht auf diese Weise die kühl inszenierte Raumsituation.
Das offene Raumkonzept mit der zentralen Theke und dem kreisrunden, mit insgesamt 522 Fächern ausgestatteten Außenwand-Regal bietet nicht nur eine raumsparende Kombination der Funktionen Verkaufen, Beraten und Abrechnen, sondern ermöglicht gleichzeitig, dass sämtliche Medikamente für die Kunden frei zugänglich sind. In Richtung Gebäudeinneres schließen sich dem Verkaufsraum ein Arbeitsraum, ein Lager sowie ein für die Kunden begehbarer Kräutergarten im Außenbereich an.
Mit ihren Interieur-Entwürfen für die "Laundry Industry" in London oder für die Lounge-Restaurants "Supperclub" in Amsterdam und in Rom hat sich das mit Architekten, Innenarchitekten und Designern besetzte Büro Concrete architectural associates längst auch international einen Namen gemacht. Ein häufig wiederkehrendes Motiv ihrer Arbeit ist der Bezug auf gewöhnliche Aspekte unserer alltäglichen Umwelt, deren Überhöhung oder Verfremdung uns auf immer neue Weise das überraschende Potential unseres Alltages vor Augen führt.
"Ein weiterer Punkt ist, dass wir bei unseren Entwürfen nicht einfach nur mit den Parametern Höhe und Breite, sondern in der Regel auch mit dem Element Zeit arbeiten", fügen Gilian Schrofer und Rob Wagemans hinzu. "Vervollständigt werden die Projekte daher immer erst durch ihre jeweilige Funktion - weshalb sie gleichzeitig auch Events darstellen." Immer wieder überraschen die Architekten dabei durch eine ironisch-spielerische Leichtigkeit sowie eine verführerische Lust am Experimentieren. Harmonie und Stilbruch formen dabei ein spannendes Miteinander und lassen die Entwürfe von Concrete zu einem dynamischen Ganzen aus Kunst, Design und Innenarchitektur werden. Ein Ganzes, das souverän mit den Erwartungen der Besucher zu spielen weiß.
Objekt: Apotheke De Lairesse, Amsterdam
Auftraggeberin: Marjan Terpstra
Projektteam: Gilian Schrofer, Rob Wagemans, Eric van Dillen, Joris Angevaare
Generalunternehmer: D.P.D./ Doornbos-Amsterdam b.v.
Lichttechnik: De Best Elektrotechniek
Grafik: Laboratorivm
Nutzfläche NF: 170 qm
Inventar: Ubachs Betimmeringen B.V.
Boden: DRT vloeren
Decke: Stretch Ceiling Silco b.v.
Drucke: Rijnja Repro b.v.