DBZ 5/2004

     
     
     

Wohntürme mit Freiraum

     

Chassé Park in Breda/NL

     

Auf dem ehemals militärisch genutzten Chassé-Terrein in Breda ist in den letzten Jahren ein hoch verdichteter neuer Wohnpark entstanden. Zu den markantesten Blickpunkten zählen die fünf Wohntürme des Architekten Xaveer de Geyter.

         
   

Schon heute gehören Teile der Niederlande zu den am dichtesten besiedelten Regionen der Erde. Und auch für die kommenden Jahrzehnte ist keine Abkehr von dieser Entwicklung zu erwarten. Im Gegenteil: Nach dem Mitte 2000 veröffentlichten “Fünften Bericht zur Raumplanung” geht die niederländische Regierung bis zum Jahr 2030 von einem Bedarf von rund 1,5 Millionen weiteren Wohnungen aus. Die meisten dieser Einheiten sind außerhalb der bisherigen Ballungszentren vorgesehen. Anders das Konzept für das ehemals militärisch genutzte, rund 13 ha große Chassé-Terrein in Breda, wo nach dem 1996 ausgelobten Masterplan des Rotterdamer Office for Metropolitan Architecture (OMA) um Rem Koolhaas gegenwärtig ein neues innenstadtnahes Wohnquartier entsteht.

Umnutzung
Inzwischen ist die Bebauung des Areals weitgehend abgeschlossen: In wenigen Monaten werden neben 650 Wohnungen rund 20000 m2 sonstige Funktionen und 1550 Tiefgaragenplätze realisiert sein. Von der ursprünglichen Bebauung erhalten blieben dabei lediglich die inzwischen umgenutzte ehemalige Chassé-Kaserne sowie ein früheres Kloster, das jetzt ein Kasino beherbergt. Weitere architektonische Blickpunkte des ausschließlich für Fußgänger und Radfahrer vorbehaltenen Areals sind das von Erick van Egeraat entworfene “Pop-Podium Mezz”, ein Wohnblock von OMA, die neue Stadtverwaltung von Claus en Caan sowie der voraussichtlich im Hebst fertig gestellte Komplex “Het Paleis” von Hans Kollhoff und Christian Rapp.
Verdichtung
Die im Masterplan vorgesehene hohe Dichte von 50 Wohnungen pro Hektar bei einem Bebauungsfaktor von nur 28% hat einen parkartigen Campus mit mehreren hohen Wohntürmen und weiten Freiflächen entstehen lassen. Am südöstlichen Rand des neuen Quartiers – direkt oberhalb einer ringförmig angelegten und mit einer begehbaren, transluzenten Dachplatte überdeckten Tiefgarage von Rem Koolhaas – fällt der Blick auf die so genannten “Chassé Park Apartments”. Die durch den ehemals für OMA tätigen und inzwischen selbständigen Architekten Xaveer de Geyter aus Brüssel entwickelte Anlage besteht aus fünf jeweils 14-geschossigen Wohntürmen mit insgesamt 137 Eigentumswohnungen.
Blickachsen
Eines der auffallendsten Merkmale des Ensembles ist die winklig verdrehte Anordnung der einzelnen Baukörper – eine Strategie, die trotz der engen Clusterung nicht nur ausreichend Sonnenlicht und Privatheit garantiert, sondern gleichzeitig auch die Blickachsen zum Stadtzentrum und zu einem nahe gelegenen Wasserturm frei hält. Verbunden werden die fünf Volumen durch einen zentralen Innenhofgarten, der wie der umgebende “Tiefgaragenwall” um 1,2m im Erdboden versenkt wurde. Neben der Schaffung eines deutlich definierten eigenen Außenraumes ermöglichte diese Anordnung auch die Aufrechterhaltung der Sichtbeziehungen zwischen dem privaten Garten und dem außen gelegenen öffentlichen Park durch die vergitterten Öffnungen der Tiefgarage hindurch. Ähnlich gelungen zeigt sich auch die abwechslungsreiche und lebendige Fassadengliederung der Chassé Park Apartments, die sich deutlich und wohltuend von den sonst üblichen “Plattengestaltungen” abhebt. Insgesamt finden sich drei unterschiedliche Varianten: Für die eher verschlossenen Außenwände in Richtung Innenhof wurden weiß glasierte Backsteine gewählt, um durch Reflexion den Zwischenraum zwischen den Bauten aufzuhellen. Für die Fassaden hinter den Schlaf- und Badezimmern verwendeten die Architekten dagegen vorfabrizierte, geschosshohe Betonelemente mit eingegossenen Schieferplatten, die je nach Licht unterschiedliche Reflexe erzeugen. Eine zusätzliche Belebung schaffen die wesentlich offener gestalteten Fassaden in Richtung Süden, wo mit den sichtbar gebliebenen rautenförmigen Tragwerk-Strukturen hinter den grünlich getönten Glasflächen ein markantes, identitätsstiftendes Element der Wohnanlage gelungen ist. Vier der Wohntürme haben einen quadratischen Grundriss mit ein oder zwei Wohnungen je Ebene erhalten. Der etwas größer und mit rechteckigem Grundriss ausgebildete fünfte Turm integriert demgegenüber vier kleinere Wohnungen je Geschoss. Die Erschließung der einzelnen Einheiten erfolgt wahlweise von der Garten- oder von der Parkplatzseite und über einen zentralen Treppenhauskern. Die Wohnungen selbst präsentieren sich eher konventionell und beziehen ihre Qualität im Wesentlichen aus den durchgängig realisierten, durch gläserne Schiebetüren nach außen und innen abschließbaren Terrassen. Und durch die raumbildende Präsenz der charakteristischen Tragwerkelemente vor den Südfenstern.
Projektteam: Xaveer de Geyter, Ester Goris
Mitarbeiter: Karolien De Schepper, Burton Hamfelt, Lieven De Boeck, Lieve van de Ginste, Oscar Juarros (†), Arnaud Hendrickx, Freek Persyn
Masterplanung: Office of Metropolitan Architecture, Rotterdam
Fotos: Gilbert Fastenaeken, Hans Wertemann, Petra Stavast
Baudaten:
Objekt: Chassé Terrein, Breda/NL
Bauherr: Chassé C.V. Proper (Stok Woningen, Rotterdam und Wilma Bouw, Weert)
Technische Planung: ABT Bouwkunde, Arnheim
Landschaftsplanung: Inside Outside, Petra Blaisse, Amsterdam
Statik: Snellen, Meulemans & Van Schaaik, Breda
Grundstücksfläche: 10130 qm
Nutzfläche: 33420 qm
Planung: 1996 - 2001
Fertigstellung 2002