DBZ 04/2005

     
     
     

Wann ist ein Dach ein Dach?

     

Das ADAC-Haus in Dortmund

     

Mit einer kraftvollen, zeitlosen Architektur zeigt sich das neue Bürogebäude des ADAC den ankommenden Besuchern. Ein respektables Entrée für große Teile des Verkehrs aus Richtung Berlin/Hannover, Kasssel/Erfurt/Leipzig sowie Bremen/Hamburg.

         
   

“Stadtkrone Ost”, so lautet der ambitionierte Name für ein Entwicklungsareal auf ehemaligem Kasernengelände jenseits der Stadtausgangsschilder von Dortmund, wo die B1 wieder zur kreuzungsfreien Autobahn wird und den unaufhörlich brandenden Verkehr in Richtung Osten entlässt – dahinter breiten sich Hügel und Felder. Das Bild der Stadtkrone, wie sie Bruno Taut imaginierte und zum Leitmotiv städtebaulicher Neuausrichtung werden ließ, suggeriert hingegen den Gipfel im Zentrum des Gemeinwesens, wo sich städtische Funktionen bündeln. Um dem Neubauland hier draußen mit Büro- und Wohnhäusern hart an der Kante der Stadt ein Gesicht zu verleihen, bedurfte es eines starken Akzentes, einer Figur, die auch in der Geschwindigkeit des Vorbeifahrens ihre Wirkung nicht verfehlt. Statt flüchtiger Fassaden in Stahl und Glas steht hier steinerne Substanz: Ein 180 m langer monolithischer Block auf hohem Geländesockel, zwar ausgehöhlt und aufgebrochen, aber in seiner Kontur aus vertikalen Graten und horizontaler Dachlinie unversehrt.
Entrée
Dreh- und Angelpunkt des Raumkonzeptes wie der Erschließung ist die Nordostecke des Gebäudes auf einer terrassenartigen Erhebung, die im Untergeschoss die Tiefgarage verbirgt. Hier weitet sich das Grundstück und stößt im spitzen Winkel nach Nordosten vor, was es möglich machte, den östlichen Zweibund der Kammstruktur – von der die beiden westlichen, rückwärtigen Spangen als zweiter Bauteil noch fehlen – zu teilen und einen Flügel quasi nach Osten abzuspreizen, so dass sich dazwischen eine dreiseitige Halle über die volle Höhe von fünf Etagen öffnet. Hier empfängt der ADAC seine Kunden. Die oberen Büroebenen werden in der Servicehalle über zweiseitig umlaufende Galerien mit weißen Mauerbrüstungen erschlossen, die dritte Wand ist zur Hälfte verglast. Ein Trägerrost unter dem alles überspannenden Glasdach sorgt für wechselnde Schattenspiele. An die Servicehalle schließt westlich das doppelgeschossige Zentrallager des ADAC mit Verbindung zum rückwärtigen Technikhof an. Dieser nach außen unsichtbare Raumkörper bildet das Podest für die Inszenierung einer schräg zur Bauflucht ansteigenden, fast 9 m breiten, sich nach oben verjüngenden Freitreppe zur Erschließung eines Innenhofs. Im Hinaufsteigen erlebt man den Wechsel von aufbrausendem Verkehrslärm, der sich in dem Raumtrichter fängt, hin zur abgeschiedenen Stille des Atriums, wo im Sommer ein Wasserbecken plätschert. Erst von hier aus sind, verschattet unter einer Auskragung an der oberen Gebäudekante, die übrigen Büroetagen zugänglich. Die Innendisposition berücksichtigt die Lage an der verkehrsreichen Straße, denn Flure und Nebenräume bilden eine nutzbare Lärmschutzwand für die flexibel teilbaren Büros.
So wie innen der Kontrast von schwarzen Böden und weißen Wänden und kubischen Schrankelementen den Raumeindruck prägt, unterscheidet außen ein deutlicher Materialwechsel die Fassaden. Die nach Süden gerichteten, geschützten Höfe zwischen den Bürospangen fassen Glas-Alu-Fronten ein aus matt glänzenden, schwarzen Profilen, raumhohen Fenstern und farbigen Glaselementen in warmen Tönen. Die Hofweite von 20,65 m bestimmte eine alte Kastanie. Auch auf der Nordseite galt es, einen Baum zu erhalten und in die architektonische Gestalt einzubeziehen. Um der Linde Platz zu machen, knickt die Fassade hier westlich der monumentalen Treppenwange um knapp 6 m, um dann in einer betont langgestreckten Achse wieder zur vorderen Fluchtlinie zurückzukehren. Alle Straßenfassaden wie auch das Eingangsatrium zu den Büros sind in hellen, gebürsteten Kalksteinquadern mit gesandeten, fast unsichtbaren Fugen gefasst, einmal mit flächiger, einmal mit plastischer Wirkung in horizontaler Schichtung oder in dichter, pfeilerartiger Folge entlang der Stockholmer Allee, wo die Front die sanfte Straßenbiegung nachvollzieht. Aus dem Zusammenspiel schräg einwärts gedrehter und die volle Gebäudehöhe von 18 m ausschöpfender, scharfkantig vorstoßender, homogener Mauerscheiben mit den strukturierten Ebenen dazwischen bezieht die Gesamtfigur ihre Dynamik. Den kompositorischen Halt gewährleistet die in flachem Winkel aufwärts auskragende, hell verkleidete Stahlkonstruktion des Flugdaches, das in luftiger Höhe an der eigentlichen Verdachung des Gebäudes aufgehängt ist und die Außenkontur beschreibt – das aber, weil es nichts schützend überdeckt, genau genommen kein Dach ist.
Projektleitung: Dipl.-Ing. Michael Pudelko, Dipl.-Ing. Maren Scholz
Mitarbeiter: Ho-Ling Cheung, Maren Scholz, Wilhelmine Schütte, Claudia Eckl, Petra Hartmann, Michael Pudelko, Christine Schleyer, Klaus-Norman Zulauf
Baudaten
Objekt: Neubau der ADAC Hauptverwaltung Westfalen
Standort Freie-Vogel-Straße 39344269 Dortmund
Bauherr: ADAC Westfalen e.V. und Johann Freundlieb GmbH
Nutzer: ADAC Westfalen e.V. und diverse Mieter (u.a. stegepartner)
Bauzeit: 10/2002 - 03/2004 (1. BA)
Innenarchitekt/Landschaftsarchitekt: stegepartner Architektur & Stadtplanung BDA SRL
Bauleitung: Freundlieb Bauunternehmung GmbH & Co. KG
Künstlerische Oberleitung: stegepartner Architektur & Stadtplanung BDA SRL
Tragwerksplanung: Dr.-Ing. Klemens Pelle Ingenieure für Baustatik, Dortmund
Lichtplanung: Dinnebier-Licht-GmbH, Wuppertal
Konstruktionsart: Massivbau
Bauteile: Betonfertigteile und Ortbeton, vorgehängte hinterlüftete Natursteinfassade, Dachkonstruktion aus Stahlträgern
Projektdaten
Grundstücksgröße: 13380 m²
Grundflächenzahl GRZ: max. 0,6 vorh. 0,36 ohne Stellplätze und Zufahrten (4777 m2)
Geschossflächenzahl GFZ: max. 2,4 vorh. 2,2 mit Tiefgarage / vorh. 1,65 ohne Tiefgarage
Hauptnutzfläche HNF: ca. 14.630 m²
Nebennutzfläche NNF: ca. 7.770 m²
Funktionsfläche FF: ca. 540 m²
Verkehrsfläche VF: ca. 3330 m²
Bruttogeschossfläche BGF: 1. BA 22452 m², Gesamt ca. 29800 m2
Bruttorauminhalt BRI: 1. BA 85260 m3, Gesamt 110500 m³