DBZ 06/2005

     
     
     

Perfekte Welle

     

Wohnungsbau in Almere/NL

     

Im Zentrum der Stadt entstand der durch René van Zuuk geplante Wohnblock “The Wave”. Hinter einer organisch geschwungenen Haut aus Aluminium bietet der Bau Appartements mit freier Aussicht auf einen See.

         
   

Die niederländische Landschaft ist weitgehend von Menschenhand gestaltet worden. Besonders deutlich wird dies im 1800 km2 großen Flevoland, der jüngsten Provinz der Niederlande, die zwischen 1950 und 1968 komplett den Fluten des Ijsselmeeres abgerungen wurde. Größte Stadt von Flevoland ist das seit Anfang der siebziger Jahre entstandene, komplett am Reißbrett entwickelte Almere mit gegenwärtig rund 170000 Einwohnern. Zudem ist der Ort die am schnellsten wachsende Stadt der Niederlande. Bislang hatte die fast ausschließlich aus Einfamilienhäusern bestehende “Boomtown” eher den Charakter einer Schlafstadt für die nur 25 km entfernte Metropole Amsterdam. Nach einer 1994 vorgestellten und 1997 abgesegneten städtebaulichen Planung von Rem Koolhaas wird das bis dahin kaum markierte Zentrum inzwischen sukzessive nachverdichtet und mit neuen Funktionen belebt.
Prominente Nachbarschaft
Schwerpunkt der umfangreichen Planung ist das nördliche Ufer des Sees “Weerwater”, wo bis 2007 mehr als 200000 m2 an Büro- und Handelsflächen sowie Wohnungen, Freizeit- und Kultureinrichtungen fertig gestellt sein sollen – darunter Projekte von international renommierten Architekten wie Christian de Portzamparc oder William Alsop. Direkt neben dessen demnächst eingeweihten Entertainment-Center wurde vor wenigen Wochen der siebengeschossige Wohnungsbau “Block 16” unter dem Namen “The Wave” vollendet. Der nach Plänen des vor Ort ansässigen Architekten geplante und dabei direkt über einer Tiefgarage von “OMA” errichtete Neubau bietet hinter seiner wellenförmig geschwungenen, mit schillernden Aluminiumpaneelen verkleideten Außenhaut 49 Wohnungen sowie eine Gewerbezeile.
Fassade im Fluss
Markantester Blickpunkt des Neubaus ist die expressiv nach außen gestülpte südwestliche Gebäudekante, die gemeinsam mit dem am ge- genüberliegenden Ufer einer kleinen Gracht aufsteigenden Hochhaus “Silverline” vom Amsterdamer Büro “Claus en Kaan” als Eingangstor zu einem kleinen Binnenhafen fungiert. Die einzelnen Module der schimmernden Fassade treten dabei nicht nur treppenartig abgestuft nach vorn bzw. nach hinten, sondern wurden außerdem noch horizontal und vertikal geneigt, so dass diese jetzt wie organisch gestaltete Schuppen erscheinen. Zur östlichen Gebäudekante beruhigt sich die Bewegung der Fassade merklich; dort soll sich der Block künftig der orthogonalen Struktur zweier in unmittelbarer Nähe geplanter gläserner Wohntürme von Frits van Dongen vom Büro “De Architecten Cie.” anpassen.
Der Sockel unterteilt sich in zwei Bereiche. Der südliche, zum Wasser orientierte Teil beherbergt die bis direkt an das Wasser reichende Parkgarage von Rem Koolhaas. Nach Norden, wo der Neubau an den abgesenkten, kärglich begrünten Innenhof “Waterplein” grenzt, haben sich hinter einer durchgehend verglasten Fassade ein Fitness-Studio und ein kleines Café eingerichtet. Oberhalb des Fitness-Centers bietet der Neubau eine kleine Ladenzeile. Direkt daneben, wo der nordwestliche Abschnitt der Aluminium-Fassade in Umkehrung zur Südwestkante als zurückwei-chende Ausbuchtung gestaltet wurde, findet sich der Zugang zu den insgesamt 49 Wohnungen. Die zentrale Erschließung erfolgt über eine Eingangshalle mit Lift und durchgehendem Treppenhaus, von dem aus zwei zentrale Korridore zu den unterschiedlich geschnittenen Einheiten führen. Neben ein- und zweigeschossigen Wohnungen stehen den künftigen Bewohnern dreigeschossige Luxus-Appartements zur Auswahl. In sämtlichen Varianten wurden die Wohnzimmer zum Wasser hin platziert, von wo aus eine Treppe zu den höher bzw. tiefer gelegenen Räumen an der gegenüberliegenden Nordseite des Blockes führt.
Pro und contra
Das Entwurfskonzept der Architekten sah zunächst vor, aus Kostengründen auf eine standardisierte, dem Tunnelbau vergleichbare Technik des niederländischen Wohnungsbaus, der so genannten “Tunnelkisten”, zurückzugreifen, bei der Decken und Wände gleichzeitig gegossen werden. Der beabsichtigte skulpturale Charakter der Betonstruktur wäre dabei durch eine veränderte Tiefe von zwei jeweils neben- oder übereinander gelegenen “Tunnelröhren” erzielt worden. Durch die Auftragsvergabe an ein Bauunternehmen, das eine andere Technik bevorzugte, wurden die Decken des Gebäudes jedoch auf herkömmliche Weise, allerdings mit unterschiedlich tiefen Stahlbetonplatten gefertigt. Nicht ver-wirklicht wurde auch die ursprüngliche Idee, die Fassaden des Neubaus mit Holzpaneelen zu verkleiden. Schließlich entwickelte man auf Wunsch des Bauherrn ein komplett neues Konzept für die Fassade mit einzelnen, sich überlappenden Aluminiumpaneelen.
Nach Norden und Süden entsprechen die eigens für den Block angefertigten Fassadenpaneele jeweils der Breite und Höhe der einzelnen Wohnungen. Ganz bewusst sollten die Platten dabei überlappend eingesetzt werden – eine Technik, die üblicherweise eine diagonale Fassadenstruktur ergibt, weil die Paneele nicht nur vertikal, sondern auch horizontal, also an den Seitenkanten, treppenförmig übereinander gelegt werden. Für den Bau in Almere entschieden sich die Planer dazu, die Verkleidungen lediglich vertikal überlappen zu lassen. Die dadurch an den Seiten entstandenen Spaltöffnungen wurden schließlich mit schwarzer Folie bedeckt. Insgesamt bietet die Fassade durch diese alternative Technik zwei völlig unterschiedliche Ansichten: vollkommen glatt und geschlossen, wenn man von den “oberen Schuppen” in Richtung der darunterliegenden blickt, dagegen treppenartig abgestuft von der gegenüberliegenden Seite aus. Ein bewegtes Fassadenbild, das sich je nach Lichteinfall in permanentem Fluss befindet und den dynamischen Eindruck des Gebäudes noch verstärkt.
Entwurf: René van Zuuk
Projektleiter: Kersten Scheller
Mitarbeiter: Björn Ophof, Marieke van den Dungen
Baudaten
Objekt: Block 16 (“The Wave”)
Standort: Koetsierbaan (Stadtzentrum Almere)
Bauherr: Almere Hart C.V., Almere
Nutzer: Eigentumswohnungen, Geschäfte, Fitness-Center, Zahnarzt
Bauzeit: 12/2002 – 09/2004
Tragwerksplanung: Pieters Bouwtechniek Delft B.V., Delft
Technische Gebäudeausrüstung: Loodsluis B.V., Genemuiden
Konstruktionsart: Stahlbeton (Wohnblock), Stahlkonstruktion (Pavillon)
Bauteile: Fassadenelemente
Materialien: Aluminium, Glas, Folie
Projektdaten
Grundfläche: (Ebene -1 – Fitness-Center + Nebenräume) 1 650 m² (Ebene 0 – Wohnblock) 900 m²
Brutto-Geschossfläche (BGF): 8 740 m²
Brutto-Rauminhalt (BRI): 25 602 m3
Baukosten
Gesamt netto: 5,6 Mio. €