DBZ 11/2005

     
     
     

Aus zweiter Hand

     

Schuhgeschäft “Duchi” in Scheveningen/NL

     

Bei der Innenraumgestaltung des Schuhgeschäftes “Duchi” haben die Rotterdamer 2012 Architekten konsequent auf Abfallmaterialien gesetzt. Ganz so, wie sie es in ihrem Manifest “Recyclicity” fordern.

         
   

Das im Nordwesten von Den Haag gelegene Nordseebad Scheveningen gilt nicht unbedingt als Ort für kühne Experimente. Stattdessen wird das Gesicht des Ortes vor allem durch das 1885 direkt am breiten Sandstrand errichtete Kurhaus sowie durch zahlreiche kleine Boutiquen und Souvenirläden geprägt. Mitten in dieser mondänen Urlaubskulisse ist zuletzt das durch die Rotterdamer 2012 Architekten eingerichtete Schuhgeschäft Duchi eröffnet worden, dessen Interieur zu 90% aus Abfallmaterialien wie aussortierten Windschutzscheiben oder Holzresten aus einer nahe gelegenen Fensterfabrik besteht.
Anders als erwartet, macht die Innenraumgestaltung des rund 70m² großen Ladens zunächst einen ausgesprochen kühlen und glatten, in jedem Fall aber “unbenutzten” Eindruck. Als Herzstück fungiert eine kreisrunde, zweigeteilte Sitzinsel, die die Planer in wochenlanger Eigenarbeit aus zusammengeleimten Holzresten aus einer Rotterdamer Fensterfabrik errichtet haben. Die vier Meter lange und aus zehn verschiedenen Holzarten ausgearbeitete Sitzskulptur besteht aus insgesamt rund 1500 Leisten von jeweils zwei Zentimeter Stärke und 40 cm Länge, die in ihrer Summe eine kreisrunde Podestfläche, zwei Sitzflächen, zwei Rückenlehnen und zwei Fußbänke für den Verkäufer formen. Direkt zwischen den beiden Sitzbänken haben die Planer außerdem ein ehemals für eine Supermarktkasse verwendetes Laufband integriert, auf dem die Kunden ihre neuen Schuhe auch unter Echtzeitbedingungen ausprobieren können.
Als ähnlich experimentell erweist sich auch die Materialauswahl für das kreisförmig um die Sitzinsel platzierte Regalsystem, für dessen leicht gebogene, gläserne Regalböden die Architekten insgesamt 130 ausrangierte und in einer nahe gelegenen Lagerhalle günstig aufgekaufte Windschutzscheiben vom Typ “Audi 100” verwendet haben. “Durch die seitliche Aneinanderreihung der einzelnen Windschutzscheiben entstand schließlich ein Halbkreisbogen, der sich exakt der Breite des Geschäftes anpasst und so eine optimale Ausnutzung der Ladenfläche schafft”, berichtet Césare Peeren von den 2012 Architekten. “Zudem ermöglichte die große Regalfläche den Verzicht auf ein getrenntes Lager – stattdessen befindet sich der gesamte Warenbestand in den umgebenden Regalböden, so dass der Verkäufer seinen Kunden die gewünschten Schuhe problemlos auch in einer anderen Größe anreichen kann, ohne dazu minutenlang in einem dunklen Magazin rumsuchen zu müssen.”
Für die Ausstellungsregale im vorderen Teil des Ladens kamen zusätzlich 40 Seitenfenster verschiedener anderer Autofabrikate zum Einsatz, als Material für die Fußbodenbeläge haben die Architekten außerdem recycelten Kunststoff genutzt. Eines der wenigen fabrikneuen Objekte innerhalb des Ladens ist dagegen die Regalkonstruktion, für die die Architekten rostfreien Stahl verwendet haben – “als Tribut an das raue Nordseeklima”, wie Césare Peeren erklärt, “denn durch die extrem salzhaltige Luft hier hätten die Regale sonst schnell Rost angesetzt.”
Das Schuhgeschäft Duchi ist der erste kommerzielle Recycling-Auftrag der Architekten. Doch letztlich arbeitet das Büro schon seit geraumer Zeit an Konzepten zur Erforschung und Entwicklung einer Architektur aus und mit Secondhand-Materialien. Jahr für Jahr nehmen sich die Planer dabei einen anderen Bereich innerhalb der Wertstoffkette vor, den sie dann 12 Monate lang auf seine Qualität als Baumaterial hin untersuchen. Vor dem Thema “Auto”, das schließlich in der Gestaltung des Schuhgeschäftes Duchi mündete, lautete die selbst gestellte Aufgabe “Weißware”. Als Ergebnis dieser konzeptuellen Annäherung stellten 2012 seinerzeit ihre “Miele Raumstation 2” vor – eine experimentelle Forschungsinstallation, deren oktogonale Struktur komplett aus den Überresten alter Waschmaschinen aufgebaut ist. Bei einem Kunstprojekt in Utrecht fungierte die Installation zum Beispiel als temporärer Lebens- und Arbeitsraum für die Entwerfer, wobei die gläsernen Waschmaschinenklappen zu bullaugigen Fenstern und Secondhand-Autositze zu Sitzflächen umgewandelt wurden.
Ein weiteres zentrales Projekt von 2012 ist die fast zeitgleich mit der Eröffnung des Schuladens Duchi realisierte und durch die Architekten bewusst in Form eines offenen Netzwerks konzipierte Internet-Plattform “Recyclicity.net”. Vorrangige Aufgaben von “Recyclicity” sind die Anregung zur kreativen Wiederverwendung von Abfall sowie die Erfassung und Präsentation von neuen Recycling-Projekten oder neu entwickelten Anwendungen zur Nutzung recycelter Materialien. Eine der manifestartig zusammengestellten Forderungen lautet dabei, bei der Nutzung von Secondhand-Baustoffen so wenig wie möglich Energie für Transport und Verarbeitung zu verbrauchen. Sämtliche Abfallmaterialien sollten daher möglichst vom gleichen Ort stammen, an dem sie schließlich genutzt werden. Und anstatt die Baustoffe mühsam in ihre Bestandteile aufzuteilen, wie es sonst üblicherweise in der Müllverwertung praktiziert wird, plädieren die Architekten dafür, die “Objekte” möglichst in der vorgefundenen Form zu verwenden.
Der in Recyclicity vorgestellte Umgang mit Abfallmaterialien bietet nicht nur eine intelligente Strategie im Umgang mit dem weltweit wachsenden Müllproblem, sondern schlägt auch eine interessante Quelle für völlig neuartige Anwendungen in der Bauindustrie vor. Darüber hinaus legt die Nutzung vorgefundener Materialien eine völlig veränderte architektonische Planung mit einer eher prozesshaften Annäherung an den jeweiligen Ort nahe.
Entwurf: Césare Peeren, Jan Korbes (Assistent) 2012 architecten
Mitarbeiter: Césare, Jan K, Marco, Bart, Amanda, Wojtek, Choca, Rikkert, Jan J, Steven, Jules, Judith
Baudaten:
Objekt: Ladeneinrichtung Schuhgeschäft Duchi
Standort: Palaceplein 252, Scheveningen
Fertigstellung: Mai 2004
Bauherr: Hanh Pham
Recycelte Materialien: Windschutzscheiben Typ “Audi 100” sowie diverse Seitenfenster verschiedener anderer Autofabrikate, Restholz, Kassen- transportband aus einem Supermarkt
Neue Materialien: Regalkonstruktion aus rostfreiem Stahl
Nutzfläche NF: 70m²
Bruttorauminhalt BRI: 300m³
Baukosten: 60000 €