DBZ 12/2005

     
     
     

„Son-O-House“

     

Besucher-Pavillon, Son en Breugel/NL

     

Mit dem „Son-O-House“ haben Lars Spuybroek (Nox Architecten) und der Komponist Edwin van der Heide eine interaktive Rauminstallation geschaffen, in der die Bewegungen der Besucher permanent in Klang umgewandelt werden.

         
   

Zu den meist diskutierten Projekten von Spuybroek gehörte seine visionäre Planung „Oblique WTC“, mit der er einen „spaghetti-artig“ verdrehten Hochhaus-Cluster von Ground Zero aufsteigen lassen wollte. Für ähnlich viel Wirbel sorgt jetzt auch das rund vier Kilometer nördlich der niederländischen Stadt Eindhoven, im Provinznest Son en Breugel, errichtete, in Zusammen-arbeit mit dem Komponisten und Medienkünstler Edwin van der Heide entwickelte „Son-O-House“ – ein fremdartiges, auf den ersten Blick außer-irdisch scheinendes Objekt, dessen organisch-poröse Außenhülle aus dichtem Stahlgewebe an machen Stellen opak und matt, an anderen Stellen eher glänzend und transparent erscheint. Das Projekt liegt mitten im Technologiepark „Ekkersrijt“ und fungiert dort als Identität stiftender, öffentlich zugänglicher Aufenthaltspavillon für Pausen und Meetings der Mitarbeiter der umliegenden IT-Firmen.
Von außen betrachtet scheint das Son-O-House als ein in sich geschlossenes Objekt. Doch im Inneren kann man von sämtlichen Stellen aus durch die Haut hindurch nach draußen blicken. Als Grundlage für diese offene Struktur dienten Spuybroek die Choreografien – er selbst spricht von „Tätigkeits-Landschaften“ – alltäglicher Körperbewegungen in einem ganz gewöhnlichen Haus, die schließlich in einem künstlerischen Prozess als Schnitte auf Papierbänder übertragen wurden. Ungeschnittene Teile entsprachen dabei den weit ausholenden Bewegungen des ganzen Körpers, größere Schnitte den Aktivitäten von Armen und Beinen und feinere Schnitte der Feinmotorik von Händen und Füßen. Danach wurde dieses Modell digitalisiert und assoziativ zu der schließlich realisierten Struktur mit den ineinander greifenden Wölbungen gestaltet.
Bewegung und Klang
Das Objekt ist jedoch nicht nur ein Stück skulpturaler Architektur, sondern dient gleichzeitig als avantgardistisches Musikinstrument und als Tonstudio. Die durch Edwin van der Heide integrierte Klang-Installation ermöglicht es den Besuchern, Töne zu hören und gleichzeitig mit ihren Bewegungen den Klang interaktiv mitzugestalten und zu modulieren. Spuybroek selbst bezeichnet das Son-O-House daher sinnfällig als ein „Haus, in dem Klänge leben, weil es kein wirkliches Haus, sondern eine Struktur ist.“ Als Grundlage der hochkomplexen Interaktion von Mensch, Klang und Raum wurden insgesamt 23 Sensoren im Inneren des Pavillons installiert, die fortwährend die ungefähre Position und die jeweiligen Bewegungen der Besucher erfassen. Die so erhobenen Daten werden anschließend in Echtzeit synthetisiert und über insgesamt 20 Laut-sprecher in Klänge umgewandelt. Im Ergebnis entsteht eine Art Feedback-System, das sämtliche Bewegungen der Besucher permanent in Klang umwandelt, so dass schließlich ein dynamisch und interaktiv sich verändernder Klangraum entsteht, der die Besucher dazu herausfordert, die jeweilige musikalische Veränderung wahrzunehmen und an-schlie-ßend wieder aktiv auf den Klang einzuwirken.
Die einzelnen Sensoren im Inneren des Son-O-House wurden so ausgerichtet, dass sie nicht die exakte Position, sondern eher statistische Informationen über die Bewegungen der Besucher generieren. Diese Daten werden schließlich dazu verwendet, den jeweiligen Ton zu beeinflussen: Je mehr Aktivitäten über eine bestimmte Zeit an einer bestimmten Position im Raum gemessen werden, desto schneller verwandeln sich die Töne dann später an dieser Stelle. Als Besucher beeinflusst man die Tonmodulation also nicht nur direkt, wie sonst bei interaktiver Kunst üblich, sondern man beeinflusst gleichzeitig das zugrunde liegende System, das den Klang steuert und erzeugt. Die Besucher hinterlassen durch ihre Interaktion mit der Architektur nicht nur ganz aktuell, sondern auch längerfristig ihre Spuren im Gebäude.
Die Lautsprecher im Raum können auf zwei unterschiedliche Möglichkeiten genutzt werden. Zum einen lassen sie sich sämtlich einzeln verwenden, so dass die Töne durch die Besucher direkt und eindeutig aus der Richtung des entsprechenden Lautsprechers wahrgenommen werden können. Bei der zweiten Variante werden die 20 Lautsprecher in fünf „Sound Fields“ mit jeweils vier einzelnen Lautsprechern unterteilt. Da das System auf Moiré-Effekten von Interferenzen ähnlicher und einander überlagernder Frequenzen basiert, werden die Töne jetzt nicht mehr aus der Richtung der einzelnen Lautsprecher, sondern als dichter Klangteppich wahrgenommen. In der Theorie könnte man dabei vielleicht eine Kakaphonie erwarten. Doch die Lautsprecher und die Bewegungssensoren wurden von Edwin van der Heide ganz bewusst so ausgerichtet, dass die durch den Computer in Echtzeit generierten Kompositionen während des Rundgangs mit den Besuchern „mitreisen“, so dass die Töne aus den anderen Feldern den Klang ergänzen. Das Ich des Besuchers als dynamischer Bestandteil von Raum und Zeit.
Baudaten
Objekt: Besucher-Pavillon, „Son-O-House“
Standort: Ekkersrüt 5600, Son en Breugel/NL
Bauherr: Industrieschap Ekkersrüt
Fertigstellung: März 2004
Konstruktionsart: Edelstahl (4401); Edelstahlstruktur mit einer Abdeckung aus Streckmetall
Projektdaten:
Grundstückgröße:
Hauptnutzfläche (HNF): 300m²