DBZ 01/2006

     
     
     

In den Schatten gestellt

     

Wohnblock in Madrid/E

     

Im Nordosten von Madrid wurde der Großblock “Mirador” fertig gestellt. Der weithin sichtbare Bau der Rotterdamer Architekten MVRDV stellt auf 22 Ebenen 14 unterschiedliche Eigentumswohnungstypen zur Verfügung.

         
   

Die Gewaltexzesse in Frankreich haben einmal mehr deutlich gemacht, dass die monotone Waschbeton-Architektur in Suburbia das dort sozial bedingt ohnehin schon hohe Konfliktpotential zusätzlich verschärft. Ein Gegenmodell zu diesen seit langem in Misskredit geratenen Auswüchsen des Wohnungs- und Städtebaus in den Vor- und Zwischenstädten schwebt den Rotterdamer Architekten MVRDV vor, die seit Jahren an Konzepten und Entwürfen für maximal verdichtete, dabei aber abwechslungsreich gestaltete und sozial durchmischte urbane Strukturen arbeiten. Zu den wichtigsten Projekten im Bereich Wohnungsbau zählten dabei die avantgardistische Seniorenwohnanlage “WoZoCo” (1997) und der an einem alten Hafenbecken platzierte Riegel “Silodam” (2002), beide in Amsterdam gelegen.
Die Wohnmaschine
Eine weitere hoch verdichtete Wohnmaschine von MVRDV ist der vor wenigen Monaten bezogene, gemeinsam mit der spanischen Architektin Blanca Lleó entwickelte Superblock “Mirador” in Madrid, der durch seine imposante Höhe von rund 65 m und seine riesige Öffnung mit Pano-rama-Terasse oberhalb des zwölften Geschosses als neues Wahrzeichen des im Stadtnorden neu erschlossenen Quartiers Sanchinarro gilt. Das Viertel ist kennzeichnend für das chaotisch aus-ufernde und überwiegend ohne jegliche städtebauliche Vision realisierte Wachstum der drittgrößten Stadt Europas: Wo bis vor wenigen Jahren nichts als Weide- und Ackerland lag, ist in rasender Geschwindigkeit eine überwiegend mit sechs- oder achtgeschossigen Blockbauten realisierte Großsiedlung entstanden, die gemeinsam mit sechs weiteren Neubauvierteln in Madrid in den nächsten Jahren etwa 300000 zusätzliche Wohnungen für rund eine Millionen Menschen zur Verfügung stellen soll.
Das durch die ambitionierte kommunale Wohnungsbaugesellschaft EMV in Auftrag gegebene Mirador, das sich in gewisser Weise als ironischer Kommentar auf die umliegende Bebauung lesen lässt, zählt zu den wenigen architektonischen Glanzlichtern des neuen Quartiers. Neben der 14 m hohen Panorama-Öffnung mit der dort quer durchlaufenden Silhouette des nördlich angrenzenden Höhenzuges “Sierra del Guadarrama” sticht dabei vor allem die auffällige Fassadengestaltung ins Auge: Die Planer nutzten wechselweise Platten aus vorgefertigtem Beton, aus Mosaiksteinen und aus Naturstein in verschiedenen Grau-, Schwarz- und Weißtönen, wobei der collagenhafte Rhythmus der Materialwahl die interne Organisation aus insgesamt neun modulartig zusammengefügten Einheiten mit jeweils kollektiv genutzten Erschließungsgängen und Aussichtsbalkonen widerspiegelt. Ein ähnliches Prinzip hatten MVRDV schon beim Projekt Silodam angewendet. Anders als der horizontal ausgerichtete Bau in Amsterdam wurde das Mirador jedoch ganz bewusst als weithin sichtbare Landmarke gestaltet, um dem amorphen Siedlungsgeflecht eine eindeutige Struktur und ein Identität stiftendes Zeichen zu geben.
Ein weiterer Blickpunkt ist das grell orange-farbene, stufenförmig auf der Fassade nach oben mäandernde Band, welches das gesamte Erschließungssystem mit Treppen, Aufzügen sowie verschiedenen Fluren integriert, die hier als kollektive “vertikale Straßen” konzipiert wurden. Ein Teil der Wegeführung steht auch zur öffentlichen Nutzung zur Verfügung, um den Bürgern des Viertels so einen freien Zutritt zu der 560 m2 großen Aussichtsplattform oberhalb des zwölften Geschosses zu ermöglichen, die mit ihrer rohen Gestaltung ein gelungenes Zitat der berühmten Dachterrasse von Le Corbusiers Wohnblock “Unité d’habitation” in Marseille bildet. Oben angelangt können sich die Besucher dann in einer der orangeroten, in den Beton eingelassenen Sitzschalen niederlassen, die spektakuläre, durch Glasbalustraden gesicherte Aussicht auf die Stadt und die Berge genießen oder den am Boden verlegten Kunstrasen unter ihren Füßen spüren – ein Produkt vom gleichen Hersteller übrigens, der auch die Trainingsplätze von Real Madrid ausgerüstet hat.
Die interne Organisation des Neubaus folgt dem Anspruch, Tageslichteinfall, Größe, Aussicht und Erschließung der einzelnen Wohneinheiten zu optimieren und dabei eine Vielzahl an unterschiedlich geschnittenen Wohnungen für unterschiedliche Lebensstile bereitzustellen, um so die Forderung nach kollektivem Wohnen mit dem Anspruch auf Individualität zu verbinden. Insgesamt stehen den Bewohnern 14 verschiedene Typen zur Auswahl – darunter quadratische oder schmale Einheiten, von Fassade zu Fassade durchgehende Wohnungen oder zwei- bzw. dreigeschossige Appartements. Wie in Spanien üblich, wurden sämtliche Einheiten als Eigentumswohnungen konzipiert. Die Ausstattung präsentiert sich dabei zumeist als relativ einfach, was jedoch in erster Linie dem Zwang zum kostengünstigen Bauen geschuldet ist. Denn um der an diesem Standort erwarteten Käuferschaft entgegenzukommen, wurden die meisten Einheiten zu einem Kaufpreis von lediglich rund 40 % der ansonsten üblichen Summe angeboten.
Nach den negativen Erfahrungen der 60er und 70er Jahre galt der Großblock auch unter niederländischen Architekten lange Zeit als “unbaubar”. Ausgehend von dem nicht zuletzt durch MVRDV forcierten Diskurs zum Thema “Verdichtung” – und aufbauend auf mehrere gelungene Projekte seit Mitte der 90er Jahre wie dem “Piräus” von Hans Kollhoff in Amsterdam oder der “Landtong” von Frits van Dongen in Rotterdam –, hat hier in den letzten Jahren jedoch eine weit gehende Neubewertung stattgefunden. Das Mirador bietet in diesem Zusammenhang nicht nur eine interessante ästhetische Interpretation dieses lange Zeit ausschließlich negativ betrachteten Typus, indem es den klassischen geschlossenen Baublock einfach in die Vertikale bringt, sondern es schafft mit seiner Synthese aus individuellem und gemeinschaftlichem Wohnen auch eine intelligente Antwort auf die in Großblocks oft üblichen Probleme wie Anonymisierung, Ghettoisierung und Gewalt. Von besonderer Bedeutung für das kollektive Bewusstsein ist dabei natürlich die hoch über der Stadt gelegene öffentliche Piazza. Als spektakulärer Ort für ein happeningartig inszeniertes Brunch, als Treffpunkt für das ultimative Picknick oder als Atem beraubende Kulisse für den etwas anderen Grillabend.
Baudaten
Projekt Wohnblock: “Mirador”, 165 Wohnungen, Madrid
Bauherr: Empresa Municipal de la Vivienda (EMV)
Bauleitung: Dragados y Consytucciones
Fertigstellung: April 2005
Mitarbeiter: Blanca Lleó asociados: Blanca Lleó, Ignacio Borrego, Maria Espinosa, Helena Aguilar, Beatriz Fierro, Miguel Tejada, Juan Andrés Antolin, Maria Gonzáles Campo Mitarbeiter MVRDV: Winy Maas, Jacob van Rijs und Nathalie de Vries mit Ignacio Borrego, Stefan Witteman, Pedro Garcia Martinez, Gabriela Bojalil, Antonio Lloveras, Nieves Mestre, Marjolijn Guldemond, Fabien Mazenc, Dagmar Niecke, Renzo Leeghwater, Florian Jennewein
Technische Ausführung: Enrique Gil, Apartec Colegiados
Tragwerksplanung: Jesús Jiménez, NB35
Haustechnik: Emilio González, JG & associados
Projektdaten:
Nutzfläche: 25393 m²
Baukosten: 10,9 Mio. €