DBZ 08/ 2006

     
     
     

Mitten im Leben

     

Senioren-Wohnanlage in Utrecht/NL

     

Die Wohnanlage „Nieuw Bleyenburg“ bietet 161 barrieregerechte Miet- oder Eigentumswohnungen mit modernster Ausstattung. Der Entwurf stammt von Henk Döll, Gründer des Ateliers voor Bouwkunst, der zuvor Partner des Delfter Büros Mecanoo war.

         
   

Der sich abzeichnende demografische Wandel konfrontiert uns mit völlig neuen Herausforderungen. Eine der zentralen Fragen ist, wie sich vor dem Hintergrund einer alternden Bevölkerung neue Lösungen für das Zusammenleben der Generationen entwickeln lassen. In den Niederlanden wurden seit Mitte der neunziger Jahre „WoZoCo’s – Woonzorgcomplexen“ entwickelt – meist großflächige Wohnanlagen für Menschen ab 55 mit barrierefreien Eigentums- oder Mietwohnungen, in denen den teilweise noch berufstätigen Bewohnern neben einem flexibles Betreuungsangebot auch eine Vielzahl an Gemeinschaftsfunktionen zur Verfügung steht.
Ein gelungenes Beispiel für dieses Modell zeigt der durch Woonzorg Nederland (dem landesweit größten Anbieter für Seniorenwohnungen mit Pflegeservice) entwickelte und nach Plänen des Rotterdamer Architekten Henk Döll realisierte Wohnblock „Nieuw Bleyenburg“ in Utrecht. Der rund drei Kilometer nordöstlich der Innenstadt, an der Ecke des viel befahrenen Kardinal de Jongweg zur Jan van Galenstraat platzierte Neubau stellt 161 Appartements in sechs verschiedenen Ausführungen bereit – 32 davon als sozial geförderte Mietwohnungen, 64 als normale Mietwohnungen und 65 als Eigentumswohnungen.
Um das geforderte Raumprogramm unterzubringen und den Komplex möglichst gut in den heterogenen städtebaulichen Kontext einzufügen, entwickelten die Architekten einen L-förmig geschnittenen Grundriss mit zwei unterschiedlich langen und unterschiedlich hohen Volumina sowie einem zur Kreuzung orientierten zentralen Eingangsbereich als Scharnier. Der langgestreckte Flügel am Kardinaal de Jongweg, dessen Höhe von neun Ebenen oberhalb des Eingangsbereiches stufenweise zunächst auf sieben und dann auf fünf Geschosse absteigt, integriert den Bau in die urbane Struktur entlang der Hauptstraße und bietet gleichzeitig einen effektiven Lärmschutz für den nach Süden angrenzenden kleinen Park. Der flachere Flügel entlang der Jan van Galenstraat wurde dagegen der kleinteiligen Struktur der angrenzenden Umgebung entsprechend lediglich viergeschossig ausgebildet. Ebenso anpassungsfähig zeigt sich der Entwurf bezüglich der gewählten Materialien: Die Frontfassaden nach Norden und Osten wurden durchgehend mit einer doppelschaligen rotorangen Mauerwerksfassade sowie einem treppenförmig abgestuften Sockel aus schwarzem Granit errichtet. Die mit Balkonen ausgebildete Rückseite des Gebäudes zum Park gestalteten die Architekten dagegen mit graublauen und mit Polyurethan beschichteten Betonfaser-Paneelen.
Eines der vorrangigsten Ziele der Architekten war es, den Bewohnern vielfältige Möglichkeiten zur Begegnung sowie kurze Wege zu ermöglichen. So bietet Nieuw Bleyenburg zahlreiche Gemeinschaftsfunktionen, die größtenteils auch für die Bewohner des gesamten Viertels offen stehen – darunter ein Restaurant, eine Apotheke, eine Physiotherapiepraxis, ein Internetcafé, einen Wintergarten zum Innenhof sowie das Büro des Pflegedienstleisters Cascade, dessen Mitarbeiter den Bewohnern im Bedarfsfall umgehend zur Verfügung stehen. Die Architekten integrierten eine Fahrradgarage zum Innenhof sowie eine Tiefgarage mit 131 Pkw-Stellplätzen auf zwei Ebenen. Direkt gegenüber haben ein kleines Einkaufszentrum mit einem Supermarkt, eine Fleischerei und ein Blumenladen eröffnet.
Der Neubau bietet neben dem zentralen Hauptzugang weitere Eingänge, von denen aus die Appartements jeweils über Aufzüge, Treppen und Flure erschlossen werden. Die Einheiten selbst sind durchgehend barrierefrei mit verbreiterten Türen sowie angepassten Badarmaturen ausgestattet. Sämtliche Einheiten verfügen außerdem über einen eigenen Zugang nach außen: Zur Hauptstraße nach Norden wurden verglaste Patios integriert, auf der Parkseite in Richtung Süden finden sich Balkone. Die Erschließungsflure des mit Mietwohnungen belegten viergeschossigen Flügels nach Osten gestalteten die Planer als offene „Wohnstraßen“ mit Balkonen und schmalen Stegen als Zugang zu den einzelnen Wohnungen, um so einen Ort der Begegnung zu schaffen – ein Element, das ganz bewusst einer Vereinsamung der Bewohner entgegenwirken soll.
Um den Alltag der Bewohner zu erleichtern, bietet Woonzorg Nederland auch ein avanciertes Automatisierungs- und Sicherheitstechnik-Konzept. Über einen mobilen Notrufknopf sind die Bewohner im Ernstfall direkt mit der Alarmzentrale verbunden. Das Türschloss kann durch eine mit der Alarmanlage elektronisch verbundene Türsicherung ersetzt werden, um so dem Pflegedienst im Notfall einen sofortigen Zutritt zur Wohnung zu verschaffen. Weitere Optionen sind automatisierte Beleuchtungs-, Lüftungs-, Sonnenschutz- oder Heizungssysteme, die je nach Wunsch einzeln oder im Verbund steuerbar sind. So ist es möglich, sämtliche Anlagen, Geräte und Lampen gleichzeitig abzuschalten und die gesamte Wohnung damit auf „Nachtzustand“ zu stellen. Ganz einfach per Knopfdruck!
Baudaten
Objekt: Nieuw Bleyenburg, Utrecht
Standort: Kardinal de Jongweg, Utrecht/NL
Bauherr: Woonzorg Nederland, Amsterdam/NL
Entwurf: Henk Döll / Döll – Atelier voor Bouwkunst, Rotterdam/NL
Planung: 1997-1999
Fertigstellung: 2004
Tragwerksplanung: Blaauw & Partners raadgevende Ingenieurs, Groningen/NL
TGA: DWA installatie- en energieadvies, Bode- graven/NL
Bauunternehmer: BV Aannemingsmaatschappij Boers Veenen- daal, Veenendaal/NL
Fassadentechnik
Konstruktionsart: Ortbeton
Bauteile: Mauerwerk, glasfaserverstärkte Zementplatten, Naturstein, Balkone mit einer Betonplatte und einer Glasbalustrade, Blendrahmen aus Hartholz
Projektdaten
Grundstücksgröße: 13 000 m²
Grundfläche: 3 000 m²
Nutzfläche NF: 18 000 m²
Brutto-Geschossfläche BGF: 22 000 m²