DBZ 3/2001

     
     
     

Kraftvoll verzahnt

     

Rathaus in Vechta

     

Hier kann es stattfinden, das abendliche Kammerkonzert, die Kunstausstellung, Lesung oder Theateraufführung. Das neue Rathaus von Vechta bietet ein hochwertiges Umfeld zum Arbeiten, ist Forum und Treffpunkt für die Vechtaer und ihre Gäste.

         
   

Urkundlich erwähnt wurde Vechta erstmalig im Jahre 1188. Wie Interessierte im Internetauftritt der Stadt Vechta nachlesen können, ist man stolz auf die lange, ereignisreiche Geschichte und ihre Entwicklung auch zum interessanten wirtschaftlichen Standort. Die Kreis- und Hochschulstadt Vechta mit ihren 28000 Einwohnern liegt im Zentrum des Oldenburger Münsterlandes, weniger als eine Autostunde von den Städten Bremen, Oldenburg und Osnabrück entfernt. Harmonisch eingebettet in eine eindrucksvolle Naturlandschaft mit Mooren, Seen, Hügeln, genießt sie als Wirtschafts -und Bildungszentrum einen guten Ruf, ist stolz auf ihre lange und bewegte Geschichte und ihre internationalen Beziehungen zu anderen Städten, die gerade in den letzten Jahren ausgebaut werden konnten.
Vielleicht ist auch dies der Grund, weshalb sich eine doch recht kleine Stadt ein Rathaus leistet, welches sich mit einer fast großstädtischen Geste an einer nicht ganz unproblematischen Stelle in Vechta in Szene setzt. Am 26. Mai 2000 konnte das gelungene Gebäude festlich an den Bauherren übergeben werden und man kann sicher sein, dass der eine oder andere Stadtvater oder die eine oder andere Stadtmutter stolz auf das Endprodukt ist.
Qualität setzte sich durch. Hervorgegangen als erster Preis aus einem 1991 ausgelobten Wettbewerb, wurde der Entwurf der Berliner Architekten auch umgesetzt. Zwischen zwei in ihrer Ausprägung sehr unterschiedlichen Gebieten, an einer komplizierten Schnittstelle, entstand ein Riegel aus Vechtaer Backstein mit einem Atriumbau aus Glas, die, miteinander verbunden, eine besondere städtebauliche Rolle übernahmen; nämlich die Verzahnung von zwei unterschiedlichen städtebaulichen Strukturen.
Auf der einen Seite eine Straßenrandbebauung aus giebelständigen Häusern, die sich entlang der Burg- und Mühlenstraße wie eine Perlenkette aufreihen, auf der anderen Seite eine Abfolge großvolumiger Gebäudeanlagen, bestehend aus dem städtischen Gefängnis, einer Hochschule, dem Kreishaus, dem Gericht und diversen anderen Gebäuden. Wie ein unversöhnliches Paar standen sich diese unterschiedlichen Bebauungsstrukturen gegenüber und suchten nach einem verbindenden Gelenk.
Dies funktioniert einerseits über den nach Ost-West gerichteten, zweigeschossig angelegten Riegelbaukörper, der sich durch Proportion und Materialwahl in die Straßenrandbebauung an der Burgstraße einfügt, andererseits nimmt der zentral angelegte, dreigeschossige Atriumkörper Bezug auf die Großstrukturen der öffentlichen Gebäude und setzt gegen Norden einen Schlusspunkt.
Materialwahl
Die Wahl der Materialien spielt in diesem städtebaulichen Umfeld eine maßgebliche Rolle. Das Erscheinungsbild des Riegelbaukörpers, in dem ein Teil der Verwaltung untergebracht ist, erreicht eine Fassadengliederung, die in Textur und Farbigkeit auf die nachbarschaftliche Bebauung (Vechtaer Backstein) der Elmendorffsburg abgestimmt ist. Der Kontrast dazu liegt in der Stahl/Glaskonstruktion des Atriumbaukörpers. Dieser ist weitgehendst durch seine Transparenz und durch die sichtbaren, inneren Einbauten (Rezeption, Besprechungsräume, Bibliothek, Standesamt) geprägt. Aufzüge und Freitreppen verknüpfen die verschiedenen Geschosse miteinander. Alle Nutzungsbereiche der Verwaltung und der parlamentarischen Arbeit sind räumlich und funktional über die glasüberdeckte Halle miteinander verzahnt. Die atriumförmige Eingangshalle ist der Mittelpunkt des Rathauses. Sie ist innenliegender Rathausplatz, Treffpunkt und Forum. Ähnlich filigran wie die Pfosten-Riegelkonstruktion, die statisch hängend ausgebildet wurde, damit die Profilstärken minimiert werden konnten, ähnlich filigran sollte die Konstruktion des das Atrium weit überspannenden Glasdaches sein.
Konstruktion Glasdach
Das Konstruktionssystem des Stahl-Glasdaches folgt dem Prinzip des Rades, als zugbeanspruchtes Seiltragwerk. Das zweite Obergeschoss des Atriumbaus bildet konstruktiv einen Ringanker, der gleichzeitig Teil der Glaskonstruktion ist. Analog der Radfelge gibt die Stahlbetonkonstruktion einem Seilsystem Halt, das speichenartig mit dazwischengespannten Druckstäben (Naben) das Atrium stützenfrei überspannt und das Auflager für die äußere Verglasung bildet. Die Stahlblöcke, die die Dachlasten in die Betonkonstruktion leiten, das System aus zahlreichen Kugelgelenken, die Bewegung durch Wind oder Wärmeausdehnung aufnehmen, all diese Elemente des Dachtragwerkes sind deutlich sicht- und ablesbar und geben der Überdachung eine ästhetisch feine Wirkung. Für die Grundbeleuchtung der glasüberdeckten Atriumhalle sorgt eine Spiegel-Werfer-Kombination mit Reflektor-Segeln aus Streckmetall, die in die filigrane Dachkonstruktion integriert sind. Das Klimakonzept der Halle beruht weitgehend auf natürlicher Thermik (Lüftungsklappen), unterstützt durch eine Luftheizung, die die solaren Wärmegewinne in Form der Rückluft nutzt.
Das Rathaus ist das, was es sein sollte: ein Glanzpunkt und Treffpunkt für die Stadt Vechta. Da haben sich die Investitionen trotz beschränkter Finanzmittel gelohnt und werden sich wohl langfristig gesehen mehr als bezahlt machen.
Objekt: Neubau Rathaus Vechta
Nutzer: Stadt Vechta
Planung und künstlerische Oberleitung: Arnke und Häntsch Architekten BDA, Berlin
Mitarbeiter: Dipl Ing. Katja Butzke; Dipl. Ing. Rolf Mattmüller, Dipl. Ing. Frank Röger
Standort: 49377 Vechta, Burgstraße 6
Bauherr: Stadt Vechta
Ausschreibung, Bauleitung: Raumbildender Ausbau, Fassade, Glasdach: Dipl. Ing. Wolfgang Göken, Oldenburg; Gebäude und Freianlagen: Ingenieurbüro Frilling, Vechta
Fachplaner: Statik/ Tragwerksplanung: Ing. Büro Seelhorst, Vechta; Heizung/Lüftung/Sanitär: Ing. Büro Donker VDI, Cloppenbug; Elektro: Ing. Büro Gruppe Ingenieurbau, Oldenburg; Bauphysik: Ing. Büro Cziesielski, Ruhnau + Partner, Berlin; Akustik: Graner und Partner Ingenieure, Bergisch-Gladbach
Konstruktionsart: Riegelbaukörper Fassade aus Vechtaer Backstein als Ausmauerung eines vorgehängten Stahlfachwerks
Atriumbaukörper: Stahlbetonskelettbau, Stahl-Glas-Fassade als Pfosten-Riegel-Konstruktion, statisch hängend
Grundstücksgröße: 8032qm
Geschossflächenzahl GFZ: 1,18
Grundflächenzahl incl. Tiefgarage GRZ: 0,55
Hauptnutzfläche HNF: 3210qm
Nebenutzfläche incl. Tiefgarage NNF: 3260qm
Funktionsfläche FF: 235qm
Verkehrsfläche incl. Halle VF: 1990qm
Brutto-Geschossfläche BGF: 9450qm
Brutto-Rauminhalt BRI: 40775cbm
Faktor BRI/HNF: 12,7
Baukosten Rathaus undTiefgarage: Hauptnutzfläche und Nebennutzfläche: 5028,50 DM; Brutto-Rauminhalt: 798 DM
Energiebilanz oder -pass: ja