DBZ 04/2001

Werkstatt

     
     

Internet

www.paulderuiter.nl

Text

Robert Uhde, Oldenburg

Fotos

Rien van Rijthoven, Oosterhout

     

Form Follows Climate

     

Ruiter, Paul de, Amsterdam

     

Minimalismus? Für Paul de Ruiter nicht nur ein ästhetisches Konzept, sondern auch ein Bekenntnis zu empirisch entwickeltem kostengünstigen und energiebewussten Bauen.

         
   

Der Entwurf war stimmig, keine Frage. Aber dass er 1994 den geschlossenen Wettbewerb zur Planung des Nijmegener Technologie- und Wissenschaftsparks "Mercator" tatsächlich für sich entscheiden könnte, daran hatte der damals erst 32-jährige Paul de Ruiter wohl selbst nicht geglaubt. Wie auch, schließlich hatte er sein in der Amsterdamer Innenstadt gelegenes Büro erst vor wenigen Monaten gegründet! Die ausgelobten Entwürfe überzeugten den Auftraggeber jedoch derartig, dass zwei Jahre später nicht nur "Mercator 1", sondern noch fünf weitere Gebäude des am Rand des Universitäts-Campus gelegenen Wissenschaftsparks durch Paul de Ruiter entwickelt werden sollten.

Das 1998 fertiggestellte Mercator 1 bietet auf sieben Etagen helle und offene Büro- und Laboreinheiten mit maximaler Flexibilität. Um eine intensive Verflechtung von Universität und Wirtschaft zu ermöglichen, bleiben einige Räume bewusst dem Lehrbetrieb vorbehalten - ein vielversprechendes Nutzungskonzept, dem architektonisch eine ebenso raffinierte äußere Gestaltung entspricht: Die vollständig transparente Glasfassade überzeugt schon von weitem durch eine intelligent gegliederte Flächeneinteilung mit sensibel integriertem grünlichen und bläulichen Structural Glazing. Um den technischen Charakter etwas zu bändigen und den Bau in die parkartige Umgebung zu integrieren, hat Paul de Ruiter den weit nach Norden ausladenden Sockel des Gebäudes mit Zedernholz verkleidet. Zwischen dem gelungenen Kontrast aus Glas und Holz vermittelt eine schwarz getönte Glasfuge an der unteren Fassadenkante.

Paul de Ruiter, der nach seinem 1991 abgeschlossenen Studium an der TU in Delft zwischen 1992 und 1994 im Amsterdamer Büro Van Berkel & Bos gearbeitet hat, sucht in seiner Arbeit nach einem ästhetisch wie energetisch sinnvollen Zusammenspiel von Gebäude, Fassade und Umraum: "Es imponiert mir, wie Jean Nouvel moderne Technologien als selbstverständlichen Teil von Kultur betrachtet", meint er und spricht kurz darauf den amerikanischen Minimal-Künstler Donald Judd und dessen Verständnis von Licht und Raum an. Seine eigene Vorgehensweise beschreibt er als empirisch: Für jedes Projekt analysiert das Büro neben der architektonischen Form auch ihre Typologie, den städtebaulichen Kontext sowie die vorgesehenen Materialien bis hin zum Detail. Parallel dazu werden wissenschaftliche Untersuchungen zu Energie-Einsparung oder Bauphysik durchgeführt. "Durch die wissenschaftlich gestützte Anwendung von modernsten Konstruktions- und Installations-Technologien sollen Synergien entstehen, die den Nährboden für Modernisierung und neue städtebauliche Impulse bilden", berichtet Paul de Ruiter.

Bei den 1997 vorgestellten "Exergiewohnungen" gelang es Paul de Ruiter, durch Synergien zwischen Installations-Technik, Architektur und Konstruktion die vorhandenen Energieströme optimal auszunutzen und damit eine beispielhafte Anwendung für neue Energie-Einsparmethoden im Wohnungsbau zu entwickeln. Bei der Entwicklung von Mercator 1 war es dagegen vor allem der enge finanzielle Spielraum, der zu einer günstigen, aber ökologisch sinnvollen Alternative zu herkömmlichen zweischaligen Glasfassaden führte: In enger Zusammenarbeit mit Professor ir. Pierre H. H. Leijendeckers von der TU Eindhoven wurde die Mercator-Klima-Fassade entwickelt. Ihre äußere Hülle besteht aus Isolierglas, die innere Schicht wird statt aus Glas aus metallisiertem, offen gewebtem Stoff gebildet. Jede der 1,8 Meter breiten Stoffbahnen kann wie eine Jalousie auf- oder abgerollt werden, so dass Tageslichtmenge und freie Sicht individuell steuerbar bleiben. In kalten Perioden schaffen die herunter gelassenen Stoffbahn eine Pufferzone, bei Sonneneinstrahlung schützen die Stoffbahnen die Räume umgekehrt vor Überhitzung. "Die Tuchstruktur musste genau berechnet werden", berichtet Paul de Ruiter. "Die Perforation musste fein genug für die Entstehung eines Luftpolsters, aber offen genug für ausreichend Transparenz sein."

Direkt gegenüber wird demnächst Mercator 2 fertiggestellt; auf insgesamt zehn quadratischen Ebenen soll es flexibel vermietbare Büroeinheiten für den Bereich Informations- und Kommunikations-Technologie bieten. Um entsprechend dem sich daraus ergebenden Nutzungsprofil möglichst große und flexible Büroflächen zu schaffen, hat Paul de Ruiter eine völlig neuartige Bürogebäude- Typologie entwickelt, die sämtliche Gemeinschafts-Funktionen wie Erschließung und Sanitärbereiche nicht im Kern, sondern an der Südseite des Gebäudes unterbringt. Den eigentlichen Höhepunkt aber bildet die vor dieser Zone liegende "Solarwand": Um den Energiebedarf des Gebäudes zu minimieren und es gleichzeitig vor Sonneneinstrahlung zu schützen, soll die Südfassade von Mercator 2 vollständig mit einer insgesamt 25 x 35 Meter großen Photovoltaik-Fassade - der größten ihrer Art in Europa! - bedeckt werden (nach Westen und Osten hin sind demgegenüber großflächige Fenster mit davor liegenden Lamellen geplant, die Nordfassade soll vollständig aus Glas bestehen). Aber Paul de Ruiter denkt noch weiter: "Das 2004 fertiggestellte Mercator 6 soll ausschließlich mit Wind- und Sonnenenergie auskommen", blickt er hoffnungsvoll nach vorn. "Auf diese Weise könnten Gebäude schließlich zu Energie-Produzenten werden."

Ähnlich visionär, wenngleich auf ganz anderer Ebene, zeigten sich zuvor schon zwei andere Wettbewerbs-Entwürfe von Paul de Ruiter: Mit dem bereits 1990 entwickelten - und gleichzeitig als Diplomarbeit eingereichten - Beitrag "East meets West" schlug er einen Komplex für Spitzentreffen zwischen Ost und West auf der einzigen gemeinsamen Grenze zwischen den USA und der damaligen UdSSR, in der Beringstraße, vor. Ausgangspunkt des Projektes war das Phänomen der Datumsgrenze, das im Entwurf als eine aus dem Meer auftauchende Mauer räumliche Gestalt annimmt. Quasi im Niemandsland soll eine Kugel innerhalb dieser Mauer Raum für Spitzentreffen auf neutralem Boden bieten.

Ebenso utopisch präsentiert sich der gemeinsam mit Rob Hootsmans entwickelte und mit dem zweiten Preis eines internationalen Wettbewerbs bedachte Entwurf "Bigfoot football stadium" in der Nähe von Los Angeles (1997): Um den als "öffentlichen Platz" etablierten Strand von Santa Monica zu erhalten, wurde der 525 x 100 Meter große, multifunktionale Komplex für rund 90.000 Zuschauer kurzerhand 250 Meter von der Küste entfernt, unterhalb des Meeresspiegels angesiedelt. Die zu erwartenden Autoschlangen werden ebenfalls unter Wasser, in einer fünf Kilometer langen Röhre aufgenommen. Die ungestörte Sicht aufs Meer bleibt also erhalten. Aber auch die Fans erwartet ein nicht alltägliches Spektakel: Sie können hier unten nicht nur den Wettkämpfen, sondern auch den umher schwimmenden Fischen zusehen!

Neben diesen eher experimentellen Projekten wird Paul de Ruiters Arbeit überwiegend durch die Planung von Bürobauten sowie städtebaulichen Entwürfen für neue Dienstleistungs-Quartiere bestimmt: Das in Arnheim gelegene Gründerzentrum "Simon Stevin 2" (1996-97) bietet flexible, auch als Atelier oder Labor nutzbare Büroeinheiten mit jeweils eigenem Eingang. "Die umfangreichen Analysen von Standort und Gebäude-Typologie haben uns zu einem karreeförmigen Gebäude mit einem kostengünstig vorgefertigten Betonskelett geführt", berichtet Paul de Ruiter über den mit einem Sockel aus Zedernholz ausgebildeten Bau. "Das zentrale Atrium sorgt nicht nur für eine hohe Raumausnutzung und ein angenehmes Raumklima, sondern funktioniert gleichzeitig als Lichthof für die angrenzenden Büroeinheiten."

Durch den Verzicht auf eine Abhängung der Decken - die Beleuchtung wurde in die mit kassettenförmigen Hohlräumen ausgestatteten Betonböden integriert -, konnten die Geschosshöhen kostengünstig und energiesparend auf 2,90 Meter reduziert werden. Zusätzlicher Vorteil: Die Stahlbetondecken lassen sich jetzt für die Klimatisierung einsetzen: Im Sommer kühlen sie das Gebäude durch Nachtkühlung, im Winter fungieren sie umgekehrt als Strahlungspaneel. Eine weitere Maßnahme zur Einsparung von Energie ist das in erneuter Zusammenarbeit mit Pierre Leijendeckers entwickelte und speziell auf die Atrium-Typologie abgestimmte "Simon Stevin Klimadach", das aus einer Außenschicht aus Isolierglas und einer 10 cm darunter liegenden, wärmedämmenden Innenhaut aus perforiertem Stahl besteht. Ähnlich wie die Mercator Klima-Fassade lässt die Perforierung ausreichend Tageslicht hindurch, bietet andererseits aber genügend Widerstand für die Bildung eines Luftpolsters: In kalten Perioden sorgt einfallendes Sonnenlicht für eine erhöhte Innenraum-Temperatur. Weil die Luft konstant aus dem Zwischenraum abgeführt wird, wirkt das stählerne Innenblatt durch seine jetzt relativ hohe Temperatur als Strahlungspaneel. Im Sommer schützt die konstante Abfuhr der erhitzten Luft dagegen vor Überhitzung.

Nur wenige Meter weiter östlich stößt der Blick auf das ein Jahr später realisierte und ebenfalls für die Ansiedlung von Start-ups-Unternehmen konzipierte Simon Stevin 3 (1997-98), das sich mit seiner dynamisch geschwungenen, horizontal gegliederten Form geschickt dem kurvigen Straßenverlauf anpasst. Noch markanter hat Paul de Ruiter das großzügig verglaste Kopfende des Gebäudes ausgebildet - eine weit auskragende, frei schwebende Stirn mit deutlichem Bezug zum berühmten "Froschmaul" des 1966 nach Plänen von Van den Broek & Bakema errichteten Hörsaalzentrums der TU in Delft, das nicht zuletzt durch seinen exponierten Standort als niederländische Ikone des _Beton-brut_ gilt.

Fast zeitgleich entwickelte Paul de Ruiter den in Nijmegen gelegenen Technologiepark "Houtlaan" (1997-98) und die städtebauliche Planung für die "Orchard business area" (1997-2000), die neben Büroflächen auch 19 Arbeits- und Wohnhäuser bereit stellt. Wie sich die dabei formulierte Idee der Verknüpfung von Wohnen und Arbeiten auch auf größere Dimensionen ausdehnen lässt, zeigt die in erneuter Zusammenarbeit mit Rob Hootsmans entwickelte "Entwurfstaktik" für die Planung des für 2004 am Amsterdamer IJ-Ufer vorgesehenen Projekts "Westerdokstrook": Um auf dem innenstadtnahen Gelände 900 kostengünstige Wohneinheiten mit insgesamt 28000 qm Bürofläche bereit stellen zu können, schlagen die beiden Architekten einen hochverdichteten, durch Innenhöfe untergliederten Komplex mit flexiblen, ganz nach den Vorstellungen der jeweiligen Bewohner (Balkonzone, Wintergarten, Büro, Klimafassade etc.) auszurichtenden Fassaden-Gestaltungen vor. Außerdem sieht das Konzept die durch Wärmetauscher gestützte Nutzung von Erdwärme vor.

Bereits fertiggestellt sind 48 Reihenhaus-Eigentumswohnungen, die Paul de Ruiter auf dem "Kroeten-Eiland" in Breda realisiert hat. Um die am nördlichen Rand einer künstlichen Insel gelegene Bebauung in die wasserreiche Landschaft einzufügen, wurden die Nordfassaden der Häuser durch eine Uferbepflanzung aus Schilf von der anliegenden Gracht getrennt - das vollkommen transparente Erdgeschoss bietet dadurch einen reizvollen und naturnahen Ausblick nach draußen. Wesentlich geschlossener der Eindruck der beiden darüber liegenden und nur durch extrem schmale horizontale Fensterstreifen belichteten Geschosse, bei denen gepresstes und verleimtes Schilf sogar als Fassadenmaterial verwendet wurde! Die strahlend weiße Südfassade gibt sich demgegenüber wieder offen, hier ermöglichen großzügige Fensterflächen die passive Nutzung von Sonnenenergie. Als weitere ökologische Maßnahme beziehen die Häuser rund 15 % ihres Strombedarfes aus einer gemeinschaftlichen Windkraftanlage.

Erste Erfahrungen mit dem Bau von Einfamilienhäusern hatte Paul de Ruiter zuvor bereits bei der Planung von zwei Seniorenvillen gemacht: der Villa "Van Leeuwen" in Apeldoorn (1994-95) und der Villa "Aurora Borealis" (1995-96), bei der ihm eine elegante Hommage an Le Corbusiers _la petite maison_ gelang: In einer freien Übersetzung des 1924 für dessen Eltern errichteten Hauses am Genfer See, in dem Le Corbusiers Mutter noch ihren 100-jährigen Geburtstag erleben sollte, entwickelte Paul de Ruiter einen minimalistisch gehaltenen flachen Bau aus Glas, Backstein und Zedernholz, der sich sensibel in die waldreiche Landschaft der südniederländischen Provinz Brabant einfügt.

Damit die Bewohner barrierefrei und selbstbestimmt bis ins hohe Alter in der Villa leben können, gehen die einzelnen Räume nach den kürzesten Laufwegen fließend ineinander über. Sämtliche Türen wurden dabei so vergrößert, dass eventuell auch ein Rollstuhl hindurch passt. "Außerdem haben wir den Grundriss in zwei rechteckige, ineinander gedrehte Baukörper aufgeteilt, die sich jederzeit zu zwei eigenständigen Wohnungen umstrukturieren lassen", berichtet Paul de Ruiter. "Bei Pflegebedarf könnten also auch andere Personen mit einziehen." Um diese Möglichkeit auch nach außen hin zu formulieren, besitzen beide Volumen eine eigene Materialsprache und Detaillierung: Nach Norden hin, wo sich der Gäste- und Arbeitsbereich befinden, schließt sich die Villa durch anthrazitfarbenen Backstein und ein mit Kupfer beschichtetes Pultdach von der Außenwelt ab. Der nach Süden, zum Wald hin sich anschließende, offene Wohnbereich ist dagegen in rötlichem Zedernholz ausgebildet. Ausreichend Licht im langgestreckten Flur zwischen beiden Baukörpern schafft ein 16 Meter langes Oberlicht im Höhenunterschied zwischen dem flachen Wohnbereich und dem schräg ausgebildeten vorderen Bereich. Im Wohnzimmer sorgt dann ein speziell entwickelter, vier Meter breiter Fenstervorsprung aus rahmenlosem, verleimtem Isolierglas für ausreichend Lichteinfall. Direkt daneben hat Paul de Ruiter den lokalen Höhenunterschied genutzt, um einen Teil des Holz-Volumens über dem Boden schweben zu lassen.

Ein ähnliches Konzept hat Paul de Ruiter auch bei der demnächst in Rhenen - seinem Geburtsort - fertiggestellten Seniorenvilla "Deys" verfolgt: Auch hier passt sich die aus zwei lang gestreckten, flachen Volumen bestehende und sensibel in die hügelige Landschaft integrierte Villa flexibel dem Lebensalter ihrer Bewohner an, auch hier gehen die einzelnen Bereiche fließend ineinander über. Anders als bei der Villa Kock wird sich das Leben hier jedoch um einen auf der Schnittlinie der Laufwege liegenden und energiesparend mit dem Heizungs-System verbundenen Swimming-Pool abspielen. Als weitere Maßnahme zur Energie-Einsparung hat Paul de Ruiter die natürliche Begrünung von Dächern und Wänden sowie elektrisch zu steuernde Lamellen-Module in der vollständig verglasten Südfassade geplant.

Noch in der Planungsphase befindet sich dagegen der Neubau des Staatlichen Wasserbauamtes in Middelburg. Für den vollkommen transparenten und durch eine schräg eingeschnittene Öffnung unterbrochenen fünfgeschossigen Baukörper hat Paul de Ruiter gleich ein ganzes Bündel an natürlichen Energiequellen vorgesehen: Um Wind-, Sonnen- und Erdenergie nutzen zu können, ist neben Klima-Fassaden und Atrien auch der Einsatz von Windkraftanlagen sowie aktiven Betonmassen und Wärmetauschern geplant. "Form follows climate", meint Paul de Ruiter in Anlehnung an das berühmte Zitat von Louis Sullivan.

Paul de Ruiter
1962 in Rhenen, NL, geboren; 1991 Abschluss des Architekturstudiums an der TU Delft; 1991-98 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Delft; 1992-94 Mitarbeit bei Van Berkel & Bos, Amsterdam; 1994 Gründung eines eigenen Büros; seit 1998 Gastdozent an der TU Delft