DBZ 6/2001

     
     
     

Schaufenster zur Stadt

     

Kaufhaus Vanderveen in Assen/NL

     

Ein teilweise über hundert Jahre altes Konglomerat aus Läden wurde für die Bürger von Assen attraktiv neugestaltet. Geschickt hat der Architekt den Bestand durch einen transparenten 18 m hohen Neubau zum Koopmansplein hin erweitert und geöffnet.

         
   

Die südlich von Groningen gelegene Kleinstadt Assen wirkt selbst auf den zweiten Blick relativ verschlafen. Im Stadtzentrum liegt der Koopmansplein - ein karg gepflasterter Platz, der nach außen hin durch ein zweieinhalbgeschossiges Band von Ladengeschäften mit hellen Klinkerfassaden begrenzt wird. Wesentlich interessanter ist die Bebauung am südlichen Rand, wo der Blick auf das vor Kurzem von Herman Hertzberger erweiterte Kaufhaus Vanderveen stößt.
An eine Zeit ohne das Warenhaus können sich in Assen selbst die ganz Alten nicht erinnern. Seit die Gebrüder Vanderveen den damals winzigen Laden 1897 errichteten, haben sie verschiedene aneinander grenzende, kleinere Geschäfte aufgekauft. Auf einer Fläche von 13000qm befinden sich heute rund 60 verschiedene, gemeinschaftlich nach außen auftretende Fachgeschäfte, Dienstleistungs- und Gastronomiebetriebe, außerdem ein Bereich für Organisationen wie Unicef oder das rote Kreuz.
Zwischen Privat und Öffentlich
Typisch für die Arbeiten von Herman Hertzberger ist weniger der kraftvolle Ausdruck der Gebäude, sondern weit mehr die intelligent gestaffelte Organisation sowie die neutrale innere Struktur. Seit Ende der 50er Jahre hat sich der Architekt auf die Schaffung von flexiblen, neutralen Übergangsräumen auf der Grenze zwischen privatem und öffentlichem Raum konzentriert. Daher entschied sich der Bauherr, die vor einigen Jahren fällige Erweiterung nach den Plänen des 68-jährigen Amsterdamer Architekten umzusetzen.
Zum Koopmansplein hin wurde das existierende Gebäude-Geflecht um ein viergeschossiges, nach außen leicht geschwungenes und vollkommen transparentes Warenregal erweitert. Die neue Kaufhausfront ragt vor dem dreigeschossigen Altbau rund 18 Meter in die Höhe und erscheint je nach Wetter und Tageszeit abwechselnd als farbige Lichtzeitung, als reflektierende, den Platz widerspiegelnde Wand oder als transparentes Schaufenster.
Transparenz lockt Kunden
Statt die gewünschte Raumerweiterung durch eine einfache aber ziemlich unattraktive Aufstockung zu bewerkstelligen, hat Hertzberger einen luftigen und durch seine räumliche Kontinuität überaus modernen, eigenständigen Gebäudeteil geschaffen, der das Kaufhaus konsequent zum Platz hin öffnet. Trotz des auffälligen Kontrastes zu der den Platz umgebenden Backsteinarchitektur bleibt der Neubau eng mit der Stadt verbunden - die zur Schau gestellte Glasfront scheint viel eher der Öffentlichkeit, als dem Besitzer zugehörig.
Die Erweiterung des Kaufhauses wurde durch eine komplette Sanierung des städtischen Umfeldes initiiert, bei der die Außenfassade des existierenden Gebäude-Ensembles um rund sechs Meter nach vorne verschoben wurde. An der Nahtstelle zwischen Alt und Neu markiert eine 1,5 Meter breite, überglaste Fuge einen fließenden, aber deutlich sichtbaren Übergang vom Bestand zum Erweiterungsbau. Innerhalb bieten die vier Vollgeschosse der Erweiterung sechs flexibel nutzbare Ebenen, die sämtlich durch die zu beiden Seiten hin auskragenden Arme von insgesamt neun mächtigen, jeweils 2 Meter breiten und 40 cm tiefen Beton-Stützenwänden getragen werden. Die oberen vier Ebenen verteilen sich dabei terrassenartig über die beiden oberen Geschosse. Im Übergangsbereich zum Altbau sorgen transparente Treppen und Rampen für eine gute Anbindung der einzelnen Ebenen zu den Verkaufsflächen des Bestandes. Weiterhin steht den Besuchern des neuen Gebäudeteils ein gläserner Fahrstuhl zur Verfügung. Die oberen vier Ebenen sind durch eine ebenfalls transparente Treppenanlage verbunden.
Einkauf und Vergnügen
Die auf den Armen der Beton-Stützenwände wie frei schwebend erscheinenden Ebenen werden außer für den Verkauf auch für ein Café im ersten und ein Bistrocafé mit Dachterrasse im obersten Geschoss genutzt. Ein überaus gelungener Schachzug, denn wo andere Kaufhäuser oft große Schwierigkeiten damit haben, ihre Kunden auch zu einem zeitaufwendigen Ausflug in die weiter entfernten oberen Geschosse zu animieren, kann das Kaufhaus Vanderveen seine Besucher mit einem Rundum-Blick auf die Dächer der Stadt locken. Zusätzliche Attraktivität erhält das neue Glasregal durch eine gute Materialzusammenstellung: Je nach Wunsch der jeweiligen Geschäftsinhaber, wechseln Stahl, Beton und Glas dabei mit warmen Parkett-, Teppich- oder PVC-Böden.
Durch das erweiterte Angebot und die gewachsene Attraktivität sind die Verkaufs- und Besucherzahlen des Kaufhauses seit dem Umbau merklich angestiegen. Herman Hertzberger ist jedoch mit seiner Erweiterung mehr als nur eine repräsentative und werbewirksame Hülle gelungen: Anders als die seit Ende der 50er Jahre in den USA und später auch in Europa massenweise aus dem Boden gestampften Shopping-Center, die gegen die leiblich erfahrbaren Kategorien Raum und Zeit weitgehend isolieren, schafft die großflächige Verglasung des Kaufhauses Vanderveen einen direkten und lebendigen Kontakt zwischen Innen- und Außenraum. Vor allem verfügt die Stadt Assen mit dem Neubau über ein sichtbar ausformuliertes öffentliches Zentrum - ein Stück Stadtreparatur, das Stadt und Kaufhaus gleichermaßen gut bekommt.
Nutzer: Fach-/Einzelhandel, Dienstleistung, Gastronomie
Ausführung: Vosbouw, Assen
Projektteam: Prof. H. Hertzberger, L. J. t. Kate, W. van Winsen, F. Stropsma, A. Matser, C. Kruter, A. Dawes
Standort: Assen NL, Koopmannsplein
Bauherr: Kaufhaus Vanderveen bv, Assen
Statik: Ingenieursbureau Wassenaar bv, Haren
Haustechnik: Luc Alkema, Assen
Projektfertigstellung: 1998