DBZ 8/2001

     
     
     

Das „1 Megawatt-Projekt"

     

Wohngebiet „Nieuwland" in Amersfoort (NL)

     

Im niederländischen Amersfoort wird seit 1993 das Quartier „Nieuwland" realisiert. Bis heute wurden hier Photovoltaik-Module mit einer Gesamtfläche von rund 15000 qm integriert – das Projekt bildet damit die weltweit größte „Photovoltaik-Siedlung".

         
   

Um ihre stetig wachsende Bevölkerung beherbergen zu können, entwickeln die Niederlande gegenwärtig zehn staatliche Wohnungsbau-Schwerpunktgebiete. Einer dieser "Vinex-Standorte" ist das im Norden von Amersfoort, direkt an der A1 gelegene "Nieuwland", das auf einer Fläche von 160 ha etwa 4500 Häuser und Wohnungen für rund 12000 Bewohner bereit stellt. Um den Wohnwert des ökologischen Vorzeige-Quartiers zu erhöhen, bietet die durch das Barendrechter Planungsbüro Wissing realisierte städtebauliche Planung eine spannungsreiche und sensibel in den landschaftlichen Kontext eingebettete Kombination aus Garten- und Festungsstadt: Durch einen aus Lärmschutzgründen aufgeschütteten, rund sechs Meter hohen Erdwall und eine obenauf liegende, fast archaisch anmutende "Mauer" aus "umgitterten" Steinen spiegelt das kreisförmig angelegte Quartier geschickt die mittelalterliche Struktur der Innenstadt wider. Als weitere Besonderheit besitzt Nieuwland einen eigenen Wasserkreislauf, der eine abwechslungsreiche Kombination aus Wasser, Inseln und Grünflächen ermöglicht hat.
Nieuwland setzt sich aus vier architektonisch unterschiedlichen Teilgebieten zusammen, die nach innen hin durch einen gemeinsamen Kern mit Sporthalle, Kindertagesstätte, Schule sowie verschiedenen Geschäften und Büros verbunden werden: Die Bebauung des südwestlich gelegenen "Hoge Hoven" zeigt sich deutlich durch die Amsterdamer Schule beeinflusst, während das südöstlich sich anschließende "Stadskwartier" und das weiter nordöstlich gelegene "Lage Hoven" eher durch die helle, funktionale Architektur der 20er Jahre inspiriert sind. Nach Nordwesten hin wird Nieuwland durch das seit 1997 entwickelte "Waterkwartier" komplettiert. Augenfälligstes Merkmal sind hier die hellen und farbenfrohen Fassaden, die sich überall in den durch zahlreiche Brücken überführten Wassergräben spiegeln.
Energiekonzept
Um eine optimale Nutzung von Sonnenenergie zu ermöglichen, wurde der größte Teil der Wohnungen in Nieuwland konsequent nach Süden hin ausgerichtet und teilweise mit Photovoltaik-Modulen zur Stromerzeugung und Solarkollektoren zur Heizungsunterstützung ausgerüstet. Noch ehrgeiziger war man bei der Planung des Waterkwatiers: Im Rahmen eines durch das Niederländische Wirtschaftsministerium und die EU bezuschussten und durch den Energiekonzern REMU beauftragten Pilotprojekts (dem "1-Megawatt-Projekt") wurden hier 500 der insgesamt 650 Häuser sowie eine Schule, die Kindertagesstätte und die Sporthalle mit dach- oder fassadenintegrierten Photovoltaik-Modulen ausgerüstet.
Die dabei auf einer Gesamtfläche von insgesamt 12000 qm integrierten und den Bewohnern unter anderem über einen Leasing-Vertrag mit der REMU angebotenen Photovoltaik-Module bieten eine maximale Leistung von 1,35 MW und stellen damit jährlich weit über 1 Million kWh an solar erzeugtem Strom zur Verfügung.
An der architektonischen Umsetzung der hoch gesteckten ökologischen Vorgaben waren insgesamt zehn verschiedene Architekturbüros beteiligt. Eines der interessantesten Projekte ist die im Kern des Waterkwatiers gelegene Inselbebauung der Delfter Galis Architekten: Ihr Entwurf umfasst zwei gegenüberliegende Reihenhauszeilen mit jeweils sechzehn Wohnungen, die über eine verkehrsberuhigte Wohnstraße erschlossen werden und vom Garten aus einen direkten Zugang zum Wasser bieten. An den zu offenen Plätzen auslaufenden äußeren Enden der Wohnstraße haben die Architekten zudem sieben frei stehende, villenartige Häuser errichtet.
Auf den ersten Blick sind Vorder- und Rückseiten der in Stahlbetonskelett-Bauweise ausgeführten Wohnungen nahezu identisch ausgebildet: Sämtliche Fassaden werden durch großzügige, in Stahl eingefasste Glasflächen und einen leicht auskragenden, durch eine Stahlkonstruktion getragenen Dachüberstand aus Holzlamellen bestimmt. Die Fensterflächen auf der Nordseite jedoch bestehen aus einer getönten und mit einer Isolierung beschichteten Verglasung. Nur so konnte trotz der optimalen passiven Ausnutzung von Sonnenenergie ein homogenes, fast symmetrisches Straßenbild realisiert werden. Ein weiterer Unterschied sind die zur Straße hin gelegenen, mit Zedernholz verkleideten Garagen-Boxen. Auf den lang gestreckten "Flachdachstraßen" der Bebauung sorgen Photovoltaik-Elemente mit einer Fläche von insgesamt 775 qm für eine jährliche Stromleistung von etwa 70000 kWh - rund 1800 kWh je Wohnung.
Innen bieten die Wohnungen zwei annähernd quadratische Geschosse mit einer Fläche von jeweils 90 qm. Die Wohnräume sind U-förmig um eine transparente, doppelgeschossige Halle platziert, die gleichzeitig Entree und Treppenhaus bildet. Für zusätzlichen Lichteinfall sorgen Dachlichter, die bei den Wohnungen, deren Eingangshalle sich an der Nordseite befindet, größer ausgebildet wurden als bei den Wohnungen mit der Halle an der Südseite.
Eine ähnlich interessante Umsetzung ist wenige Meter weiter nördlich durch das Atelier Z-Zavrel aus Rotterdam entstanden: Das direkt an der Hauptstraße "Waterdreef" gelegene Projekt "Gele Lis" besteht aus einem sägezahnförmig geschnittenen, viergeschossigen Block mit zehn Appartements, und einem am gegenüberliegenden Ufer eines Wassergrabens sich anschließenden sechsgeschossigen Riegel mit elf Appartements. Zwischen der zweiten und dritten Ebene werden beide Gebäude durch eine Laufbrücke miteinander verbunden. Nach Norden hin haben die Architekten entlang des Wassergrabens weitere 24 Reihenhaus-Wohnungen fertig gestellt.
Im niedrigeren Teil des Gebäudes fungieren die Photovoltaik-Elemente gleichzeitig als gut in die Architektur integrierte Sonnenschutz-Lamellen, die sich durch eingebaute Sensoren optimal zur Sonne hin ausrichten. Unabhängig davon können die Verschattungen aber auch durch die Bewohner eingestellt werden. Beim höheren Gebäudeteil wurde die Sonnenfalle direkt in die Fassade integriert: Der Bau besitzt ein rahmenloses, rund 75 qm großes Photovoltaik-Modul, das sich über die gesamte Höhe der Südfassade erstreckt und auf diese Weise einen interessanten farblichen Kontrast zu dem aus gelben und grauen Klinkern bestehenden Mauerwerk schafft. Einziger Nachteil: Um die Wohnungen mit ausreichend Tageslicht zu versorgen, mussten die Architekten fünf Öffnungen in das Modul schneiden - die Fenster bewirken einen Einstrahlungsverlust von immerhin 20%.
Objekt: Nieuwland Waterkwatier
Standort: Amersfoort
Städtebauliche Planung: Stedenbouwkundig bureau Wissing, Barendrecht
Bauzeit: 1998-99
Auftraggeber: "1-MW-Projekt" REMU, Utrecht
Objekt: 32 Reihenhäuser und sieben freistehende Villen
Entwurf: Galis Architektenburo BNA, Delft
Entwurfsteam: Babet Galis, Frank Apotheker, Maarten t'Hart, Tom Hage, Han Willem Visscher
Auftraggeber: Van Hoogevest Ontwikkeling, Amersfoort
Ausführung: Van Hoogevest Bouw, Amersfoort
Haustechnik: Van Brakel en Lenco
Objekt: "Gele Lis", Zwei Wohngebäude mit insgesamt 21 Appartements
Entwurf: Atelier Z-Zavrel Architecten BV, Rotterdam
Auftraggeber: Achtgoed Wonen en Bouwen, Amersfoort
Ausführung: Van Hoogevest Bouw, Amersfoort