DBZ 12/2001

     
     
     

Tiefe Blicke

     

Neubau für die B. Braun Melsungen AG

     

Die 1992 eröffnete Werksanlage der B. Braun Melsungen AG bietet einen weitläufig gestalteten Industrie-Komplex mit Produktion, Lager, Warenverteilung und Verwaltung. Inzwischen ist das Ensemble durch das "Europagebäude" erweitert worden.

         
   

Spritzen, Kanülen und Katheter - mit weltweit rund 27000 Beschäftigten ist B. Braun eines der größten Unternehmen im Bereich Medizin-Technik. Seit 1839 schlägt das Herz des Konzerns im südlich von Kassel gelegenen Ort Melsungen. Ein paar Kilometer weiter, auf einem 420000 qm großen Grundstück in Pfieffewiesen, wurde 1992 eine neue Fertigungsstätte mit Logistik-Zentrum und Verwaltungsgebäuden eröffnet. Die von James Stirling, Michael Wilford und Walter Nägeli geplante und 1993 mit dem Deutschen Architekturpreis bedachte Werksanlage bietet einen in einzelne Gebäude untergliederten Komplex, der im Zusammenhang eine räumlich differenzierte und sensibel in die hügelige Landschaft des Fulda- Tals integrierte städtebauliche Komposition ergibt.
Erweiterung
Inzwischen ist das Ensemble durch eine europaweite Verwaltung erweitert worden: Während sich das bereits bestehende Verwaltungsgebäude bogenförmig nach Norden, zur Stadt Melsungen öffnet, weist das im August eröffnete "Europagebäude" von oben betrachtet wie eine Pfeilspitze auf die in entgegengesetzter Richtung liegenden Werksgebäude. Die Planung stammt aus der Feder von Michael Wilford, dem ehemaligen Partner von James Stirling. Gemeinsam mit Manuel Schupp entwickelte der britische Architekt einen sechsgeschossigen Bau, der wie der vorhandene Komplex aus mehreren zusammengefügten Baukörpern besteht - einem zweigeschossigen Sockelbau (im Grundriss rechteckig), einem zweigeschossigen Foyer (dreickig), einem aufgeständerten, dreigeschossigen Hauptteil (ebenfalls dreieckig) und einer in der dritten Ebene eingefügten, kreisrunden Technik-Zentrale. Ein weiterer Bezug zum bestehenden Komplex ist die betont rohe Verwendung von Materialien wie Beton, Kupfer, Stahl oder Aluminium: Während der Sockelbau mit seiner abgeschrägten und mit vorpatiniertem Kupfer verkleideten Fassade Bezug auf den Sockel des vorhandenen Verwaltungsgebäudes nimmt, wurde die Fassade des Hauptteils parallel zum Nachbarbau mit matt gestrahltem Stahl verkleidet. Einen weiteren Rückgriff zeigen die tief eingeschnittenen, farbig abgesetzten Fensteröffnungen.
Foyer und Treppe
Der Hauptzugang ins Innere des "Europagebäudes" erfolgt vom Foyer des bestehenden Verwaltungsgebäudes über eine als Stahlkonstruktion ausgeführte und innen wie außen mit Aluminiumblechen verkleidete Verbindungsbrücke. Von ihr aus gelangt man direkt ins Foyer im zweiten Geschoss, von wo aus sämtliche anderen Ebenen erschlossen werden. Schnell fällt der Blick hier auf die zur unteren Foyer-Ebene führende Treppe und gleitet dann an einer Betonsäule empor auf den Sheddachsüberdeckten und sämtliche Geschosse durchdringenden Innenhof - ein nach oben hin verjüngter, sechseckiger Lichtschacht, der nicht nur ausreichend Tageslicht ins Gebäude dringen lässt, sondern auch stockwerkübergreifende Sichtbeziehungen bietet. Besonders eindrucksvoll zeigt sich dabei der Wechsel zwischen den roh belassenen Sichtbeton-Flächen und den aus Oregon-Pinie gefertigten Balustraden der zum Innenhof gelegenen Archiv-Bereiche.
Als Bodenbelag für das Foyer wurde, wie an zahlreichen anderen Stellen der gesamten Werksanlage, schwarzer englischer Industrie-Klinker und blauer Kautschukboden gewählt. Einen weiteren farblichen Akzent schafft der zum Lichthof hin offene, aus gelb getupftem Sichtbeton errichtete Fahrstuhlschacht, in dem zwei gläserne Fahrstühle an einer in kontrastierendem Rot gestrichenen Stahlkonstruktion zu den drei Ebenen des Hauptbaukörpers hinauf gleiten. Eine zweite Möglichkeit, die dort gelegenen Büros zu erreichen, bietet ein nach außen hin als eigenständiger Baukörper ausgebildeter Treppenraum mit zwei gegenläufig ineinander verschränkten Treppenläufen.
Organisation
Aber nicht nur in architektonisch, auch organisatorisch zeigt sich der Neubau vorbildlich: Noch während der Ausarbeitung des Projekts mussten Michael Wilford und Manuel Schupp ihre Pläne auf das inzwischen beschlossene "Bürokonzept 2010" abstimmen: Statt in personengebundenen Zellenbüros, arbeiten die Mitarbeiter jetzt an täglich wechselnden Arbeitsplätzen, also je nach Anforderung in abgeschlossenen "Cockpits" für konzentriertes Arbeiten, in unterschiedlich großen Besprechungsräumen, in offenen Bibliotheken oder in "Team-Cockpits". Architektonisch wurde das Programm durch die Verwendung von verglasten Holz-Glas-Trennwänden und den Wechsel von unterschiedlich gestalteten Arbeitsbereichen umgesetzt. Größte Hürde dabei: Damit das Konzept funktioniert, müssen die Mitarbeiter ihre Arbeitsplätze jeden Abend aufgeräumt verlassen!
Nutzer B. Braun Melsungen AG
Projekt: Neubau eines Verwaltungsgebäudes für B. Braun in Melsungen
Bauherr: Gelimer Verwaltungsgesellschaft mbH & Co. Vermietungs KG
Architekt: Michael Wilford mit Manuel Schupp, Stuttgart
Planung: 1997 bis 2000; Bauzeit: 1999 bis 2001
BGF: 5.303 qm
NGF: 4442 qm
Kosten: 21,3 Millionen DM