DBZ 1/2000

     
     
     

Spiel-Kiste aus Holz und Glas

     

Kindertagesstätte, Hannover-Kronsberg

     

Am südlichen Rand des neuen Quartiers haben die Hamburger Architekten Jürgen Böge und Ingeborg Lindner-Böge eine wuchtige, überwiegend in Holz und Glas ausgeführte Kindertagesstätte platziert.

         
   

Mit der S-Bahn-Linie 11 nach Südosten. Eigentlich hatte sich Hannover schon im Ländlichen verloren - in der Nähe des Dorfes Bemerode beginnt die Stadt erneut. Und wie! In unmittelbarer Nähe des zentralen Expo-Geländes, wo im Sommer Hunderttausende die verschiedenen Pavillons fluten werden, wird seit einigen Jahren ein neuer Wohn-Stadtteil für rund 6 000 Bewohner aus dem ehemals landwirtschaftlich genutzten Boden gestampft: Hannover-Kronsberg.
Schon von weitem kündigen sich die ehrgeizigen Expo-Projekte durch die neu errichteten und architektonisch interessanten S-Bahn-Haltestellen an: Im Minutentakt trifft das Auge auf vorbeiziehende Glasbausteine, Ziegel oder Edelstahlgewebe, auf vorpatinierte und deshalb schon jetzt grün schimmernde Kupferplatten oder Lärchenholz-Schalungen. Nach exakt 20 Minuten taucht zur Linken der Kronsberg auf - für Hannoveraner Verhältnisse fast schon ein Gebirge! Hoch oben und direkt am Übergang zwischen Wohngebiet und Landschaft gelegen, schiebt sich eine wuchtige Holzfassade bis fast an die Straße hin - die durch das Büro Böge & Lindner-Böge errichtete, zweigeschossige Kindertagesstätte lässt sich auf diese Weise schon beim "Aufstieg" erahnen. Mit ihrer rohen Materialsprache hebt sich die eher minimalistisch gehaltene zweigeschossige Kiste deutlich von der angrenzenden Wohnbebauung ab und spiegelt dabei doch geschickt die ehemals ländliche Umgebung wider.
Um die Speichermassen der Decken zur Verbesserung des Raumklimas nutzen zu können, wurde der Bau der Kindertagesstätte als Stahlbetonskelett-Konstruktion konzipiert. Die Frontfassade und die beiden Seitenflügel der Kindertagesstätte wurden in vorgefertigter und hochgedämmter Leichtbauweise ausgeführt: Vor der innenliegenden Wand aus Gipskarton und einer 24 cm breiten Schicht aus Mineralwolle schaffen 2,7 cm starke und aus mehreren Holzschichten mit gegeneinander versetzten Faser-Richtungen zusammengeleimte Furnierschichtholz-Platten eine helle, fast schon korkartige Fassadenfront. Unterschiedlich groß gewählte, meist horizontal angeordnete Holzformate gehen dabei einher mit patternartig ausgebildeten, aluminiumgerahmten Fenstern, die mal als horizontale oder vertikale Fensterbänder und dann wieder als quadratische Öffnungen in das Fugengeflecht der Holzplatten eingegliedert worden sind - eine überaus spannende rhythmische Inszenierung aus raffiniert aufeinander bezogenen Flächen, Linien und Maserungen, in die die Architekten ein wahlweise über eine Betonrampe oder sechs Treppenstufen zu erreichendes, vollständig verglastes quadratisches Eingangsportal mit einer rot lackierten Eingangsbox und darüber liegenden Holzrosten heraus geschnitten haben.
So verschlossen sich der Bau nach vorne hin zeigt, so offen und transparent präsentiert er sich an seiner zum Spielhof hin gelegenen Südseite, wo eine Pfosten-Riegel-Konstruktion aus Kiefernholz mit außen liegenden Aluminium-Profilen ein sich über die gesamte Fassade erstreckendes Mosaik aus doppelt verglasten Fenster und Türen (k-Wert 1,1 W/qmK) einfasst. Durch unterschiedlich gewählte Abstände zwischen den einzelnen Vertikalen sowie die Integration von holzgerahmten Türen und zu öffnenden Fenstern ist den Architekten auch hier ein bewegtes Spiel aus Linien und Flächen gelungen. Vor der Glasfassade schafft eine noch zu bepflanzende "Laube" - eine großflächige Konstruktion aus gehobeltem und gefastem Lärchenholz - einen fließenden Übergang zwischen den Innenräumen und dem rund 2 500 qm großen Frei- und Spielbereich und ermöglicht zudem eine ausreichende Verschattung im Sommer. Durch ihre sich nach oben hin verjüngenden horizontalen Streben sorgt die "Laube" darüber hinaus für interessante Schattenspiele auf der Glasfassade.
Im Inneren der Kindertagesstätte stoßen Benutzer und Besucher zunächst auf einen halbkreisförmigen Ring aus Glasbausteinen - einen Raumteiler zum dahinter liegenden Mehrzweckraum mit integriertem Essbereich und der nebenan untergebrachten Küche. Links und rechts vom Eingang erschließen zwei Gänge und ein links vom Eingang liegender, dunkelgrün gestrichener Treppenaufgang die einzelnen Räume für die insgesamt fünf Kindergarten-Gruppen: Nach Norden hin sind die Nebenräume (WCs, Garderobe, Abstell- und Technikraum), nach Süden hin die verschiedenen Gruppenräume angeordnet. Oberhalb des Mehrzweckraums schafft eine große kreisförmige Öffnung in der Decke Sicht- und Geräuschkontakt zwischen beiden Geschossen. Um die Öffnung soll ein ebenfalls kreisrundes Stahlgitter der Gefahr eines Absturzes vorbeugen - mit einer Höhe von lediglich 80 cm ist es für die Kinder jedoch deutlich zu niedrig ausgefallen, so dass zur Sicherheit inzwischen ein zusätzliches Netz gespannt werden musste.
Trotz des eher minimalistisch scheinenden Ansatzes stand schon zu Beginn der Planungen ein eher bildhafter Bezug im Vordergrund der Planungsgedanken: "Kinder, die im städtischen Raum aufwachsen, kennen Scheunen, Dachböden oder Bauernhöfe meist nur noch aus Erzählungen", berichten die Architekten. "Mit der einfachen Kiste, der vorgestellten 'Laube' und dem Material Holz stellt die Kindertagesstätte diesem Erfahrungsmangel ganz bewusst einen Raum entgegen, der die ehemals ländliche Umgebung reflektiert und durch seinen starken Kontrast zur täglichen Wohnwelt zum Teil der sinnlichen Wahrnehmung und Erfahrung der Kinder werden soll." Mit ihrer einfachen und kraftvollen Form sollte sich die Kindertagesstätte darüber hinaus im Umfeld der erst in Planungsansätzen vorhandenen Umgebung in Form dreigeschossiger Wohnblöcke behaupten können - "ein Vorhaben, das jedoch im weiteren Verlauf durch den Bau von Reihenhäusern konterkariert wurde", berichten die Architekten, die bislang vor allem durch den Bau des Rosmarin-Karree in der Berliner Friedrichstraße und die ebenfalls hier in Hannover liegenden Gebäude der DG Bank und des Dorint-Hotels hervorgetreten sind.
Durch die relativ geschlossene Nebenraumschicht nach Norden und die vollständig verglasten Gruppenräume nach Süden erreicht der kompakte Bau mühelos Niedrigenergiehaus-Standard und entspricht damit souverän den vom Bauherrn geforderten Vorgaben. Als weitere ökologische Maßnahme wurde beim Ausbau ausschließlich auf Materialien zurückgegriffen, die keine Feinstäube und keine giftigen Stoffe enthalten oder abgeben. Auf gleiche Weise wollen die Architekten übrigens auch bei einer geplanten, aber gegenwärtig aus Kostengründen noch fraglichen Erweiterung der Kindertagesstätte um ein formal ähnlich ausgebildetes Spiel und Backhaus vorgehen. Im sieben Meter breiten Raum zwischen beiden Gebäuden würde dann eine wintergartenähnliche, aber nicht beheizte Zwischenzone entstehen - eine schöne Ergänzung.
Mitarbeiter: Herr Lade, Herr Moemken
Projektleitung: Herr Graf
Bauherr: Landeshauptstadt Hannover, Hochbauamt
Standort: Brockfeld 65, 30539 Hannover
Grundstücksgröße: 3263qm
Bebaute Fläche: 594qm
GRZ: 0.18
Bruttogeschossfläche: 1161qm
GFZ: 0.36
Geschoßflächenzahl: II
Hauptnutzfläche HNF: 571qm
Nebennutzfläche NNF: 173qm
Funktionsfläche FF: 21qm
Verkehrsfläche VF: 268qm
Nettogrundrissfläche NGF: 1033qm
Bruttogrundrissfläche BGF: 1161qm
Bruttorauminhalt BRI: 4400cbm