DBZ 5/2000

     
     
     

Kontrastreicher Mittelpunkt

     

Rathaus in Garbsen

     

Beim Bau des neuen Rathauses von Garbsen ist den Braunschweiger Architekten Schneider und Sendelbach ein markantes Niedigenergie-Gebäude mit hochwertigen stadträumlichen Qualitäten gelungen.

         
   

Eine grüne Wiese mitten in der Stadt? Mit rund 60 000 Einwohnern gehört die nordwestlich von Hannover gelegene und 1974 im Zuge der Gebietsreform aus ehemals selbständigen Gemeinden zusammengefügte Stadt Garbsen immerhin zu den zehn größten Städten in Niedersachsen. Hier im "Zentrum" ist davon freilich nur wenig zu spüren - die starke Einbindung in ein überregionales Verkehrsnetz mit Autobahn, Bundesstraße und Mittellandkanal verhinderte eine gesamtstädtische Entwicklung, so dass Wohnen, Gewerbe, Verwaltung und Infrastruktur sich bislang nur dezentral entwickeln konnten. Mit dem 1993 beschlossenen Neubau eines neuen Rathauses sollte deshalb nicht nur die bislang auf mehrere Standorte verteilte Stadtverwaltung zusammengefasst, sondern auch die Entwicklung eines neuen Stadtzentrums vorangetrieben werden.
Das aus vier größeren Gebäudevolumen bestehende und von den Braunschweiger Architekten Schneider und Sendelbach kontrastreich mit Ziegeln, Holz und Glas ausgeführte Rathaus bildet sowohl den Auftakt, als auch das räumliche Rückgrat der künftigen Zentrumsbebauung. Die einzelnen Baukörper des Ensembles werden von einem großflächigen Glasdach zusammengefügt, das von einer filigranen Stahlkonstruktion abgehängt worden ist - darunter bildet eine zentrale glasgedeckte Erschließungshalle einen mit der Stadt verbundenen öffentlichen Raum mit Wegen, Brücken und Plätzen. Nach Osten, zur vielbefahrenen Berenbosteler Straße hin, wird die Halle durch einen sechsgeschossigen Riegel abgeschirmt. Der als Zweibund ausgebildete Baukörper beherbergt den überwiegenden Teil der Verwaltung. Im Erdgeschoss, direkt an der transparenten Halle gelegen, befindet sich hier auch das doppelgeschossige Bürgeramt.
Am gegenüberliegenden Westflügel wird die Halle durch drei aneinander gefügte niedrigere Baukörper begrenzt - durch zwei langgestreckte Riegel für die Verwaltung und eine dazwischen liegende, viergeschossige Rotunde, in der sich die Kantine und zwei Ratssäle befinden. Der größere der beiden, ein doppelgeschossig ausgebildeter Raum mit Besuchergalerie, öffnet sich nach oben hin durch eine umlaufende Verglasung zur zentralen Halle. Unter dem Ratssaal bietet die im Untergeschoss der Rotunde gelegene Kantine eine reizvolle Aussicht auf einen Wassergraben und den künftigen Marktplatz der Stadt.
Die von Norden und Süden zugängliche Rathaushalle bietet einen öffentlichen Straßenraum, ein Stück Stadt in der Stadt gewissermaßen, das mit seiner offenen und angenehm lichten Atmosphäre ganz bewusst auch als Ort für öffentliche und kulturelle Veranstaltungen genutzt wird. Der Wechsel von massiven Mauerwerksteilen und transparenten Glasflächen schafft vielfältige Blickbeziehungen zwischen Halle und Ämtern und ermöglicht so eine leichte Orientierung innerhalb des Gebäudes: Von der zentralen Halle aus erreichen die Bürger nicht nur das Bürgeramt und das Sozialamt - ein möbelartig in die Halle eingestellter, mit horizontalen Holzlamellen aus Red Cedar ausgebildeter Sonderbaukörper beherbergt darüber hinaus Kultur- und Ausländerbüro im Erdgeschoss, das Standesamt im ersten Obergeschoss sowie weitere Besprechungsräume im zweiten Obergeschoss.
Durch Anordnung, Höhenstaffelung und Materialwahl der einzelnen Baukörper ist den Planern ein markantes Zeichen im künftigen Stadtzentrum gelungen, das seine inneren Funktionsbereiche auch nach außen hin deutlich werden lässt. Der differenzierte Einsatz der Stahl- und Glaskonstruktionen schafft einen kontrastvollen Gegensatz zu den natürlichen Materialien Holz, Sandstein und dem durchgängig im Kopfverband gemauertem Wittmunder Torfbrandklinker, der aufgrund seiner Materialoberfläche je nach Lichteinfall sehr lebendige und reizvolle Farbspiele erzeugt. Mit ihrer Strategie, das zweischalige Sichtmauerwerks auch im Innenbereich fortzusetzen, haben die Architekten dabei sinnfällig den Außenraumcharakter der Halle unterstrichen - ein Gestaltungsprinzip, dem auch die Weiterführung der Außenbeleuchtung und des Bodenbelags aus Sandstein entspricht.
Trotz der zum Teil großflächigen Glaszonen - vor allem im Nord-Ostflügel des Gebäudes - erfüllt das neue Rathaus souverän die Anforderungen des Niedrigenergiehaus-Standards: Neben einer 15 cm starken Kerndämmung des zweischaligen Mauerwerks, der Verwendung von Isolierglas (k-Wert von 1,1 W/qmK) für sämtliche Fenster und Fassadenverglasungen und der im Winter als Sonnenfalle und Klimapuffer fungierenden Rathaushalle trägt vor allem die umweltfreundliche Wärmeversorgung über eine Nahwärmeleitung vom Blockheizkraftwerk des benachbarten Schulzentrums sowie der Einsatz eines Erdwärmetauschers dazu bei, den Heizwärmebedarf des Gebäudes unter 40 kWh/qmK zu senken. Durch die Nutzung der Erdwärme sinken die Temperaturen in der Halle auch im Winter nicht unter 5° Celsius - soll der Raum bei besonderen Anlässen dennoch höher temperiert sein, steht dazu eine zusätzliche Umluftheizung zur Verfügung. Im Sommer funktioniert der 50 KW starke Erdwärmetauscher in die entgegengesetzte Richtung und schleust die im Erdreich vorgekühlte Luft in die Halle ein.
Zur aktiven Solarenergienutzung haben die Architekten eine im südlichen Frontbereich und auf dem Dach des Gebäudes installierte Photovoltaik-Anlage vorgesehen. Die zum Zeitpunkt der Errichtung größte Anlage in Norddeutschland erzeugt mit einer Fläche von rund 200 qm eine Leistung von 20 KW. Rund 10% der benötigten Elektro-Energie produziert das neue Rathaus in Garbsen damit aus eigenen Kräften. Die Stadtverwaltung als Vorbild für die Bürger - unbedingt nachahmenswert!
Mitarbeiter: Elke Bartels, Katalin Haaz, Jörn Ostermeier, Siegfried Palesch, Günter Sievers, Anja Stevens, Klaus-Jürgen Tedt
Projektsteuerung: Assmann Beraten+Planen GmbH, Braunschweig
Bauherr: Stadt Garbsen
Objekt: Rathaus Garbsen
Tragwerksplanung: B + P Bergmann und Partner Ingenieurgesellschaft mbH, Hannover
Konstruktion: Stahlbetonskelett aus Ortbeton
Außenwand: zweischaliges Sichtmauerwerk, Wittmunder Torfbrandklinker, Oldenburger Format, Kopfverband, Mineralfaser-Kerndämmatten, Kalksandstein, mineralischer Innenputz
Technische Gebäudeausrüstung: nek Ingenieurgesellschaft, Braunschweig
Grundstücksgröße: 28300qm (inkl. Stellplatzflächen)
Geschossflächenzahl: (GFZ) 0,45
Grundflächenzahl: 0,20
Hauptnutzfläche: 6250qm
Bruttogeschossfläche: 12640qm
Brutto-Rauminhalt: 50400cbm
Hallenfläche: 660qm
Baukosten incl.: Kunst am Bau 47 Mio. DM
Energiebilanz: 39 kWh/qm im Jahr