DBZ 08/2000

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Robert Uhde, Oldenburg

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Johan van der Keuken,
Jan Versnel,
Gert Mol, t'Sticht B.V.,
Herman H. van Doorn, Scagliola/Brakkee,
Christian Richters

     

Architektur als Einladung

     

Hertzberger, Herman, Amsterdam

     

Mit dem Apeldoorner Centraal Beheer-Gebäude gelang Herman Hertzberger vor 30 Jahren ein Hauptwerk des niederländischen Strukturalismus. Inzwischen hat der Amsterdamer Architekt zu freieren Formen gefunden.

         
   

Der Streifzug durch das Werk von Herman Hertzberger beginnt unweit des im Amsterdamer Westen gelegenen Vorstadt-Bahnhofes Sloterdijk: Auf dem Dach der zu Beginn des letzten Jahrhunderts errichteten und vor einigen Jahren abgerissenen Wäscherei "LinMij" traf der Blick völlig unvermittelt auf ein Ensemble bizarr aufeinander gestapelter und ineinander verschachtelter Volumen, die wie wuchtige Kristalle auf dem ansonsten eher unscheinbaren Gebäude ruhen.

Mit seiner 1964 fertiggestellten Erweiterung des "LinMij"-Gebäudes um ein oben aufliegendes Nähatelier hatte der damals 30-jährige Herman Hertzberger eine im Prinzip endlos ausbaufähige Struktur geschaffen - ein architektonisches Manifest gewissermaßen, dessen Konstruktion demonstrativ auch nach außen gebracht worden ist: Der in Fertigbauweise errichtete, modular gestaffelte Aufbau der Dach- und Fassadenelemente wurde durch sichtbare Stahlbetonträger und armierte Balken getragen. In die Stützbalken dieser Trägerkonstruktion waren Auskragungen eingearbeitet, die in den Innenräumen des Ateliers als Auflageflächen für die Dächer weitergeführt wurden. Indem sich diese Auskragungen nicht nur unterhalb, sondern auch oberhalb der Dächer, an den Außenwänden der Werkstatträume, fortsetzten, hatte Hertzberger sinnfällig die Möglichkeit zusätzlicher Erweiterungen impliziert.

Im Gegensatz zur überwiegend konstruktivrationalistischen Architekturtradition in den Niederlanden, die architektonische Form in erster Linie als Resultat der Auseinandersetzung mit objektiven Anforderungen betrachtet, wollen die Bauten von Hertzberger einen flexiblen und anpassungsfähigen Rahmen schaffen, der erst durch seine Benutzer ausgefüllt und zum Leben erweckt wird - eine Sichtweise, wie sie seit Ende der 1950er Jahre vor allem durch die Amsterdamer Gruppe "Forum" vertreten wurde. Die Gruppe um Hertzberger, Jaap Bakema und den im letzten Jahr verstorbenen Aldo van Eyck, bildete seit 1959 die Redaktion der gleichnamigen Zeitschrift und bestimmte in den folgenden Jahren mit Begriffen wie "Platz", "Schwelle" oder "Begegnung" die internationale Sicht der niederländischen Architektur. Als Reaktion gegen den uniformistischen Massenwohnungsbau des Nachkriegs-Wiederaufbaus forderte "Forum" eine weitreichende Humanisierung von Architektur und Städtebau.

Auch bei der Erweiterung des "LinMij"-Gebäudes standen die Bedürfnisse der hier beschäftigten Menschen im Vordergrund. Als Vorbild dienten Hertzberger dabei vor allem die großen Fabrikräume der Rotterdamer Van-Nelle-Fabrik von Michiel Brinkman und Leen van der Vlugt (1925-31), von denen sich seinerzeit auch Le Corbusier beeindruckt zeigte - besonders vom Einfall des Tageslichtes und der großartigen Aussicht auf die Umgebung. Ähnlich richtete sich auch die Erweiterung des "LinMij"-Baus vor allem auf die menschliche Dimension der Arbeit hin aus: Die horizontal geschichtete Struktur von horizontalen Fensterbändern und dazwischenliegenden Zonen aus Glasbausteinen schafft eine helle, private Arbeitsatmosphäre, die sich wohltuend von vergleichbaren Industriebauten der Zeit abhebt.

In den "Forum"-Jahren hat sich Hertzberger vor allem auf das Studium von Möglichkeiten für die Schaffung von Übergangsräumen zwischen privaten und öffentlichen Bereichen konzentriert. Das gemeinsam mit Tjakko Hazewinkel entworfene und in mancher Hinsicht ähnlich wie die Marseiller "Unité d'Habitation" von Le Corbusier konzipierte Studentenwohnheim in der Amsterdamer Weesperstraat (1959-66), dessen ursprünglicher Entwurf noch in die Studienzeit Hertzbergers zurückreicht, lässt den öffentlichen Raum etwa durch Arkaden im Erdgeschoss, die vielen öffentlichen Funktionen und die galerieartig angelegte Wohnstraße auf halber Höhe in das Gebäudeinnere eindringen.

Einen weiteren Schritt in diese Richtung ist Hertzberger anschließend beim Entwurf der Montessori-Schule in Delft (1960-66) gegangen: Bei der Suche nach unmonumentalen, nichthierarchischen Grundrissen entwickelte er ein fortlaufendes System von fast nahtlos ineinander übergehenden Räumen und Übergangsräumen, die ganz bewusst den "üblichen Klassenraumkonvoi" vermeiden. Mit L-förmig geschnittenen, stufenartig zu beiden Seiten einer zentralen Halle angeordneten Klassenräumen, deren räumliche Qualität durch Absenkung des einen Raumteils noch verstärkt wirkt, hat Hertzberger stattdessen zu einer Raumform gefunden, die den Grundschulkindern Treffpunkte, gemeinsame Lernorte und Rückzugsmöglichkeiten zugleich schafft. Deutlich sichtbar dabei der Einfluss Aldo van Eycks und dessen Amsterdamer Bürgerwaisenhaus: "Dieses Gebäude hat mich auf die richtige Fährte gebracht und kam damals genau zur rechten Zeit", wie Hertzberger rückblickend meint. Ähnliche Grundgedanken verfolgte der Architekt auch bei der Planung späterer Schulbauten: Die rund zwei Jahrzehnte später als Villenpaar errichteten Apolloschulen (1980-83), die 1986 fertiggestellte Grundschule "De Evenaar" (beide in Amsterdam) oder die Schulerweiterung in Aerdenhout (1988-89) weisen jeweils eine von oben beleuchtete Haupthalle auf, in der eine große Treppe Raum für informelle oder organisierte gemeinsame Aktivitäten bietet.

Mit dem (nicht ausgeführten) Entwurf für das Amsterdamer Rathaus (1967) - als unmonumentaler Ort der Begegnung für die Bevölkerung und ihrer Repräsentanten mit quer durch das Gebäude führenden Wegen und einer überdachten, als Auditorium oder Theater für 500 Menschen nutzbaren Empfangshalle geplant - gelang es Hertzberger, die schon beim Bau der Montessorischule entwickelte Verknüpfung von öffentlichen und privaten Zonen auch auf andere Gebäudeformen zu übertragen. Den eigentlichen Höhepunkt dieser Entwicklung stellte kurz darauf das auch international vielbeachtete Gebäude der Apeldoorner Versicherungsgesellschaft "Centraal Beheer" (1968-72) dar, dessen räumliche Binnengliederung die Vorteile eines Großraumbüros mit denen separater Zimmer kombiniert. Mit seiner partizipatorisch-demokratischen Grundstruktur wurde der Bau schnell zum Symbol für die Ära nach 1968.

Vorherrschendes räumliches Merkmal des für rund 1000 Mitarbeiter ausgerichteten Bürogebäudes ist der mosaikartige Aufbau aus horizontal und vertikal geschichteten, auf insgesamt 60 Kuben verteilten quadratischen "Büroinseln", die das gesamte Gebäude von außen fast wie die Waben eines überdimensionalen Bienenstocks aussehen lassen. Die strenge Rasterung der über Brücken in den einzelnen Stockwerken verbundenen und dabei durch vertikale Lufträume von oben her beleuchteten "Inseln" schafft einen durchgängigen Verband von gleichwertigen Räumen und Übergangsräumen, in dem jede einzelne "Insel" im Prinzip als Arbeitsort, Verkehrsweg und Luftraum zugleich fungiert. In den Ecken der zahllosen Zellen hat Hertzberger Rückzugsorte für Entspannung oder Besprechung geschaffen.

Nachdem "Centraal Beheer" schon Mitte der 1970er Jahre durch die Übernahme eines direkt nebenan liegenden Bürogebäudes (CB II) erweitert wurde, fehlte dem Komplex neben einem zentralen Haupteingang vor allem ein sichtbarer und integrierender Mittelpunkt. Die Versicherungsgesellschaft entschied sich daher zur Errichtung eines neuen und stärker auf Repräsentation hin ausgerichteten Verbindungsbaus, der von Hertzberger als langgestreckte, atriumartig überdachte Halle gestaltet wurde, in der ein freistehendes "lnnengebäude" Platz für mehrere Tagungsräume und ein Konferenz-Zentrum bietet (1990-94).

Ähnlich partizipatorische Grundgedanken verfolgte Herman Hertzberger auch bei der Planung des "Musikzentrums Vredenburg" in Utrecht (1973-78): Das auf der Grenze zwischen der Geschäftspassage "Hoog Catharijne" und dem historischen Stadtkern eingefügte Gebäude bietet nicht nur hervorragende Konzertsäle mit ausgezeichneter Akustik und guter Sicht auf die zentral angelegten Podien - durch die Integration des öffentlichen Raums in Form von Passagen, Büros oder Restaurants ist es darüber hinaus gelungen, einen lebendigen Ort mit kleinstmöglicher Hemmschwelle für unterschiedlichste Publikumsschichten zu schaffen.

Hauptwerk der 1980er Jahre ist das Gebäude für das niederländische Sozial- und Arbeitsministerium in Den Haag (1979-90). Der für rund 2000 Beamte ausgerichtete Komplex besteht aus einem dichten Geflecht aus 16 achteckigen Türmen, die jeweils rund 30 Arbeitsplätze je Geschoss bieten. Sämtliche Räume der mit Rolltreppen und schwebenden Brücken miteinander verbundenen Elemente werden von einer zentralen, sich über alle Ebenen erstreckenden Empfangshalle aus erschlossen. Um die Orientierung noch zu erleichtern, hat Hertzberger sich zudem erstmals für die Ausbildung eines deutlich formulierten Haupteingangs entschieden.

Rund 1500 Meter weiter westlich hat Hertzberger kurz darauf das Theaterzentrum "Spui" (1986-93) fertiggestellt, das neben zwei Theatersälen, Kino, Videozentrum und Galerie auch Raum für Geschäfte und einen viertelkreisförmigen Wohnblock mit 76 Wohnungen bietet: Um einen städtebaulichen Zusammenhang zum gegenüberliegenden Tanztheater von Rem Koolhaas und dem Rathaus von Richard Meier zu schaffen und eine etwas zurückversetzte Kirche wieder ins Straßenbild zu integrieren, hat Hertzberger den geschwungenen Wohnblock zur Straße hin geöffnet. Im Mittelpunkt des dadurch entstandenen kleinen Platzes schafft eine portalartige Öffnung Zugang zum dreieckigen Theaterfoyer; der links daneben vorgeschobene, im Vergleich zum aufliegenden Wohnriegel deutlich flacher gehaltene, anthrazitfarbene Bau beherbergt die Galerie sowie das Film- und Videozentrum.

Bei den beschriebenen Gebäuden in Den Haag oder der Erweiterung von "Centraal Beheer" hat Hertzberger das schon zu Beginn entwickelte Thema eines mehr oder weniger stark gegliederten Zentralbereichs, um den sich die verschiedenen Funktionen organisieren, auch nach außen hin offensichtlicher werden lassen - die deutlich ausformulierten Eingänge verbinden die öffentlichen Innenbereiche nachdrücklicher als zuvor mit dem Außenraum. Mit seinen jüngeren Arbeiten ist Hertzberger noch einen weiteren Schritt in diese Richtung gegangen: An die Stelle der Betonung einzelner Elemente tritt zunehmend die Einfügung großer Bauteile, wobei vor allem die integrierende Funktion großer plastischer Dächer an Bedeutung gewinnt. Hertzberger findet auf diese Weise zu wesentlich freieren, auf den ersten Blick fast expressiven Formen, die einen gewissen Bruch mit seinen früheren Arbeiten darstellen. "Die meisten meiner Projekte aus den 1990er Jahren beruhen mehr oder weniger auf dem strukturalistischen Grundsatz einer das Ganze überdachenden Form, die alles, was sich darunter abspielt, integriert, ohne im Einzelnen darauf einzugehen", beschreibt der Architekt die neuen Schwerpunkte. "Somit wird prinzipiell die Möglichkeit offengelassen, jederzeit die unterschiedlichsten Veränderungen vorzunehmen, ohne die städtebauliche Identität des Ganzen wesentlich zu beeinträchtigen."

Beim "Chassétheater" in Breda (1992-95) hat Hertzberger die vorhandenen Funktionen - einen großen Saal mit rund 1300 Plätzen, eine zentrale Halle, zwei weitere Hallen für jeweils 700 bzw. 300 Personen sowie zwei Filmsäle - mit einer geschwungenen, doppelten Dachwelle überspannt und so zu einem Stück "überdachte Stadt" verknüpft. Auch die nur wenige hundert Meter weiter im Zentrum Bredas gelegene und fast zeitgleich errichtete Bibliothek und Musikschule (1991-93) oder das "Markant Theater" in Uden (1993-96) werden jeweils durch große Dächer überdeckt. Unter den zum Teil über die Straße hinausragenden Dächern, die beide Gebäude wie ein riesiges Zelt überspannen, können Besucher und vorbeikommende Passanten durch die langgestreckten Glasfassaden hindurch in den leicht unter Straßenniveau liegenden Leseraum und den dahinter angeordneten Innenhof (Breda) oder das großzügige Theaterfoyer (Uden) hineinsehen.

Bei den beiden Schulbauten "De Polygoon" in Almere (1990-92) und "Anne Frank" in Papendrecht (1993-94) hat Hertzberger das Prinzip gewölbter Dächer auch bei kleineren Bauten angewendet. In Almere hat der Architekt darüber hinaus auch das Konzept der "Lernstraße" entwickelt: die insgesamt 16 Klassenräume sind nicht mehr wie bei den früheren Schulbauten um eine platzähnliche Halle gruppiert, sondern liegen an einer durch Oberlichter beleuchteten und durch "Glasvitrinen" von den Klassenzimmern einsehbaren "Straße", in der sich zusätzliche Arbeitsräume für unterschiedlichste Unterrichtssituationen befinden.

Wie das Prinzip der gewölbten Dächer weitergedacht werden kann, zeigt der 1993 vorgestellte (nicht realisierte) Entwurf für ein Industriegelände in Freising: Um der wachsenden Zersiedelung der Landschaft entgegenzuwirken, sieht die "Gebaute Landschaft" eine beliebig erweiterbare Struktur in Form von "ausgehobenen Ackerfurchen" vor; innerhalb dieser Furchen wechseln verschiedenste, durch wellenförmige und begrünte Dächer abgeschlossene Gebäude mit Straßen, Grünzonen und einem zentralen Platz.

Im Vergleich zur Architektur der 1960er und 1970er Jahre und der damaligen Tendenz zugunsten des öffentlichen Raumes wird "von den meisten öffentlichen Gebäuden inzwischen in erster Linie eine repräsentative und festliche Ausstrahlung erwartet - gemessen an anthropologischen Maßstäben ist das auf jeden Fall ein Schritt zurück", wie Herman Hertzberger bedauernd feststellt. Aber auch von Architekten wie Rem Koolhaas oder Carel Weeber wird der "Forum"-Leitgedanke des "Building the Neighbourhood" inzwischen eher als Nostalgie betrachtet.

Dem zum Trotz hat Hertzberger auch bei seinen jüngsten Projekten vor allem die Schaffung stadträumlicher Zusammenhänge sowie die soziale Komponente der Architektur im Blick: Neben Wohnanlagen in Dordrecht (1995-98), Düren (1993-97) und im japanischen Kurobe (1991-98) ragen dabei ein auf der ehemaligen Amsterdamer Hafenmole "Borneo" realisiertes Einfamilien-Reihenhaus (1998-99) und die wassernahe Wohnanlage in der Stralauer Halbinsel in Berlin (1996- 1998) hervor, wo Hertzberger einen strahlend weißen, als Teil eines umfangreichen Masterplans konzipierten Wohnblock mit gewerblich genutztem Erdgeschoss geschaffen hat, dessen leicht geschwungene Form sich geschickt um einen alten Palmölspeicher legt.

In Amsterdam hat Herman Hertzberger vor kurzem außerdem das für rund 1600 Studenten ausgerichtete Montessori College Oost (1993 - 1999) fertiggestellt. Das mit großzügigen Holz- und Glasflächen eingefasste Hauptgebäude bietet auf insgesamt fünf Geschossen ein offenes und helles Inneres mit weitläufigen und offenen Treppenlandschaften, das durch farbige Stützen und Fußbodenbeläge zusätzlichen Reiz erhalten hat. Keine Frage: Auch 35 Jahre nach "Forum" gelingt es Herman Hertzberger, der Architektur ein Gesicht zu geben.
Herman Hertzberger
1932 in Amsterdam geboren
1958 Abschluss des Studiums an der Technischen Hochschule Delft
1958 Gründung eines eigenen Büros
1959-69 Herausgeber der Zeitschrift Forum (zusammen mit Aldo van Eyck, Jaap Bakema u.a.)
1965-69 Dozent an der Akademie für Baukunst, Amsterdam
1970-99 Außerordentlicher Professor an der Technischen Universität Delft
1986-93 Außerordentlicher Professor an der Universität Genf
1990-95 Vorsitzender des Berlage-Instituts, Amsterdam