DBZ 4/2002

     
     
     

Licht im Überfluss

     

Wohnhaus in Hamburg

     

Mit seinem im Hamburger Stadtteil Othmarschen errichteten Wohnhaus A. ist Nikolaus Goetze von gmp ein raffiniert einfach und offen konzipierter Bau gelungen, der sich durch seine zurückhaltende Gestaltung nahtlos in den 200qm großen Park einfügt.

         
   

Raus in die Stadt? Also mitten drin und trotzdem im Grünen? Nicht nur in Hamburg, auch anderswo sorgt der verstärkte Wunsch nach urbanem Wohnen in attraktiver Lage dafür, dass sich die Verdichtung der Großstädte zunehmend auch auf die bislang eher luftig-geräumigen Vororte ausweitet. Mehr und mehr werden dabei auch ehemals großzügig angelegte Parkgrundstücke mit solitärer Villen-Bebauung geteilt und zusätzlich bebaut - so etwa bei dem vor kurzem für ein Ehepaar mit zwei Kindern errichteten Haus A. im Hamburger Stadtteil Othmarschen. Größer hätte der Kontrast dabei kaum ausfallen können: Auf der einen Seite die bekannt-berüchtigten Sechziger-Jahre-Villen mit voluminösen Walmdächern, dicken Mauern und botanischen Schutzwällen aus wuchtigen Rhododendron-Büschen, auf der anderen ein klar und einfach strukturierter, fast asketischer Flachdach-Riegel, der sich mit seiner strengen Gliederung ganz offensichtlich auf die Klassische Moderne und die Ideale des Bauhauses beruft.
Konstruktion
Die Ost-, Süd- und Nordfassaden des Wohnhauses wurden durch Architekt Nikolaus Goetze vom Hamburger Büro von Gerkan Marg & Partner als weiß verputzte, einschalige Porotonwände mit Lochfenstern unterschiedlicher Größe konzipiert. Ganz anders der Eindruck bei der als Stahlkonstruktion errichteten Westfassade, die sich durch eine großflächige, vom Boden bis zur Decke reichende Glasfront komplett zum Garten öffnet. "Wir wollten ein Haus, das offen und ehrlich zeigt, was in seinem Inneren passiert", begründet Nikolaus Goetze seinen bewusst transparent gehaltenen Entwurf. Ein Anspruch, der natürlich seine Grenzen hat: Um die freien Blicke zwischen innen und außen steuern - und gelegentlich auch unterbrechen - zu können, bietet sich den Bewohnern ein "dicht gewebtes Netz" aus 26 beweglichen, horizontal und vertikal zusammengefügten Sonnenschutz-Elementen aus handgeschweißtem Corten-Stahl. Die bewusst asymmetrischen, also unterschiedlich breiten Flachstahle lassen sich je nach Bedarf und abhängig von Sonnenstand und Jahreszeit zusammenschieben oder frei über die Glasfassade verteilen - "ganz ohne Technik übrigens, wodurch das Verschatten der Fassade beinahe schon einen rituellen Charakter erhält", wie Nikolaus Goetze erläutert.
Innenkonzeption
Das nach außen hin wirksame Spiel zwischen Geschlossenheit und Transparenz findet im lichtdurchfluteten Inneren seine nahtlose Fortsetzung: Über einen parallel zur südlichen Grundstücksgrenze angelegten Granitstreifen zur Haustür gelangt, stößt der Blick auf eine doppelgeschossige und beide Wohnebenen miteinander verbindende Eingangshalle, an deren Ende eine offene Stahlbetontreppe ins Keller- bzw. ins Obergeschoss führt. Noch mehr Offenheit ermöglichen die zu beiden Seiten des Eingangsflures angeordneten und frei verschiebbaren Milchglas-Elemente: Mit ihrer Hilfe lassen sich Eingangsflur, Treppe, Wohnzimmer, Essplatz und Küche je nach Bedarf in einzelne Räume abtrennen oder zu einem luftigen und fließend ineinander übergehenden Raumkontinuum zusammenfügen. Ausgenommen von dieser Möglichkeit ist lediglich der nach Nordosten hin gelegene Bereich mit Gäste-Appartement, Hauswirtschaftsraum sowie Bad und WC.
Nicht nur das nach Spiel zwischen privat und öffentlich, auch der nach außen hin formulierte Anspruch an Reduktion und Einfachheit wird im Inneren des Hauses konsequent weitergeführt. Vorherrschend ist eine zurückhaltend, aber eindeutig formulierte Materialsprache mit Terrazzo- und Holzböden, Stahlfenstern, Stahlgeländern sowie lasierten Sichtbetondecken, auf denen noch die Maserung der Holzverschalung sichtbar ist. Gemeinsam schaffen sie eine spannungs- und kontrastreiche Kulisse für das mystische, beinahe fernöstlich anmutende Lichtraster, das vor allem am Abend durch die Sonnenschutz-Elemente ins Innere des Hauses geworfen wird. Weitere Blickpunkte sind der gewachste und seine Schleifspuren offen zur Schau tragende Industrie-Estrich und die in einer speziellen Technik - "calce tirata", also "gezogener Kalk" - verputzten Wände. Die fixen Elemente wie Geländer, Treppen und Wandscheiben sind zusätzlich durch Schattenfugen, Lichtleisten und mit frei schwebenden Formen ausformuliert.
Über die offene Stahlbetontreppe führt der Weg ins deutlich kleinteiliger gestaltete Obergeschoss des Hauses. Als zentrale Verkehrsachse fungiert dort ein sämtliche Räume erschließender und dabei durch eine Einbau-Schrankwand aus Birkenholz von den einzelnen Zimmern abgetrennter Flur, der über ein großzügiges Oberlicht ausreichend Tageslicht erhält und somit entsprechend vielseitig zu nutzen ist. Direkt gegenüber der Treppe, gleich hinter dem stählernen Geländer, öffnet sich der lang gestreckte Gang gleichzeitig zum doppelgeschossigen Eingangsbereich und bietet somit freien Blickkontakt zum Erdgeschoss.
Östlich des Flures liegen Badezimmer, Toiletten und ein Arbeitszimmer, auf der gegenüber gelegenen Gartenseite befinden sich vier Schlaf- und Arbeitsräume, die durch zusätzliche Türen und eine schmale Gangway oberhalb des Eingangsbereiches gleichzeitig auch untereinander verbunden sind: Stehen sämtliche Türen offen, so ergibt sich eine Sichtachse, die sich über die gesamte Breite der Westfassade erstreckt. Aber auch sonst scheint hier oben an alles gedacht: Um zum Verdunkeln nicht jedes Mal ins Erdgeschoss laufen zu müssen, steht den Bewohnern ein eigens vorgesehener Bootshaken zur Verfügung: Mit seiner Hilfe lassen sich die Fassaden-Stahlgitter auch vom Obergeschoss aus mühelos hin- und herschieben.
Entwurf: Meinhard v. Gerkan und Nikolaus Goetze
Mitarbeiter: Gabi Nunnemann, Nicole Löffler
Projektleiter: Thomas Haupt
Bauherr: Dr. Wolfgang Alvano, Tuki Gräfin Wrangel
Standort: Hamburg
Fachplaner: Tragwerk: Ing. Büro Bartels, Hamburg
Haustechnik: Fa. Thiel, Boostedt
Konstruktion: Mauerwerksbau, Geschossdecken: Stahlbeton mit Stahlträgern, Dach: Stahlbeton mit Außendämmung
Materialien/Bauteile: Porotonwände, weiß verputzt, Stahlfenster, thermisch getrennt, Sonnenschutzelemente aus Cortenstahl; Innen: Terrazzoböden und Holzböden, Stahlbetontreppe, Geländer aus Stahl, Stahlbetondecken, lasiert
Brutto-Geschossfläche BGF: 400qm
Baukosten: 632000 EUR
Baufertigstellung: 2000