DBZ 6/2002

     
     
     

Maschine im Gelände

     

Druckzentrum in Rendsburg

     

Dass die Hamburger Architekten Bothe Richter Teherani mit Stahl und Glas umzugehen wissen, ist bekannt. Auf einer grünen Wiese bei Rendsburg haben die „glass techs" ein neues Druckzentrum für den Schleswig-Holsteinischen Verlag (sh:z) fertiggestellt.

         
   

Büdelsdorf? Für Auswärtige bedeutete das seit dem Zusammenbruch der einst den Ort prägenden Eisenhütte höchstens noch die riesige Autobahn-Hochbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal. Doch die Zeiten haben sich gewandelt: Im Verlauf nur weniger Jahre hat sich die 10000-Seelen-Gemeinde bei Rendsburg zu einem der wichtigsten Industriestandorte Schleswig-Holsteins gemausert und ist dabei als Hauptsitz der Mobilcom AG auch bundesweit zum Begriff geworden. Neuestes Highlight der "Boomtown" im Norden ist das durch die Hamburger Architekten Bothe Richter Teherani entwickelte Druckzentrum des Schleswig- Holsteinischen Zeitungsverlages sh:z - eine futuristische, metallgrau und glasgrün schimmernde Maschine im Gelände, unter deren Dach 16 regionale Tageszeitungen mit einer täglichen Gesamtauflage von rund 200000 Exemplaren produziert werden.
Wirtschaft
Bereits bei ihrem 1999 fertiggestellten Hauptsitz für den Leuchtenhersteller Tobias Grau im 100 km entfernten Rellingen hatten Jens Bothe, Kai Richter und Hadi Teherani bewiesen, dass auch Gewerbebauten auf der grünen Wiese keineswegs immer dem gängigen Schnittmuster "Kiste - Deckel drauf und fertig" zu folgen brauchen. Ähnlich selbstbewusst präsentiert sich das am Rande eines Gewerbegebietes und dabei nur einen Steinwurf von der Mobilcom entfernte neue Druckzentrum des sh:z, dessen komplexe technische Abläufe sich schon von weitem ablesen lassen - an einer rhythmisch und dynamisch gestaffelten Abfolge von hohen und niedrigen, gläsernen und kompakten, dabei aber durchgehend abgerundeten Baukörpern aus Aluminium und Glas und an einem in die Außenfassaden integrierten Band, das spiralförmig vom südöstlich gelegenen Papierlager über die Rotations- und Versandhalle bis hin zu dem an der nordwestlichen Grundstückskante platzierten Verwaltungsgebäude verläuft und damit sinnfällig den Weg der Zeitungsherstellung nachzeichnet.
Eigentlich hätte auch hier alles wie gewohnt kommen sollen, denn die ursprüngliche, durch die Architekten KSW aus Achim erstellte Planung ließ eine alles in allem eher konventionelle und ausschließlich an den technischen Notwendigkeiten der Anlage ausgerichtete Gesamtform erwarten. Erst während der laufenden Planungsphase entschied sich der Bauherr dazu, die bereits ausgearbeitete äußere Gestalt seines neuen Firmengebäudes noch einmal grundlegend überarbeiten zu lassen. Aus dem eiligst ausgeschrieben Wettbewerb gingen schließlich Bothe Richter Teherani als Sieger hervor. Trotz des eng gesteckten Zeitrahmens und der in Größe und Proportion bereits weitgehend festgelegten Projektes gelang den mit Großformen bestens vertrauten Hamburger Architekten ein überaus harmonisches und kraftvolles Gebäude-Ensemble, das seinen organischen Eindruck vor allem dem flächigen Einsatz und den präzisen Nahtstellen der je nach statischer Dimensionierung zwischen 2 und 3,5 mm dicken Aluminium-Paneele verdankt.
"Wären wir etwas früher eingebunden worden, hätten wir sicher einige Dinge noch konsequenter durcharbeiten können", stellt Hadi Teherani rückblickend fest. "Aber auch so wirkt die gesamte Anlage wie aus einem Guss. Wenn man davor steht, wird schnell klar, dass das keine Gebäude sind, die nichts miteinander zu tun haben, sondern, dass es da einen inneren Zusammenhang gibt", berichtet Hadi Teherani über die spiralförmige Ausbildung der einzelnen Baukörper, mit der das neue Druckzentrum schlüssig auf die Bewegung der über Rollen geführten Papierbahnen reagiert.
Mitarbeiter und Besucher gehen den umgekehrten Weg wie die Zeitungen und erschließen das neue Druckzentrum von Nordwesten, also in entgegengesetzter Produktionsrichtung. Neben dem Haupttor stehend, werden sie zunächst durch einen frei stehenden Büroriegel empfangen - einem langgestreckten zweigeschossigen Bau, dessen silbrig glänzende, an seinen Kanten abgerundete und mit grün schimmernden Glaslamellen umhüllte Oberfläche aus Aluminium und Glas auf den ersten Blick eher an einen modernen Hochgeschwindigkeitszug als an ein Bürogebäude erinnert.
Entwurf
Neben dem Empfang und den Büros der Produktionsleitung nimmt das Verwaltungsgebäude auch zwei Konferenzräume und ein Besucherzentrum mit Kinosaal und Multimedia-Aquarium auf. In seinem hinteren Bereich ist der Bau frei aufgeständert und wird über einen verglasten Steg mit den weiter südlich gelegenen Gebäuden verbunden. Im Inneren dieser Gangway führt ein sogenannter "Time-Tunnel" - eine Art interaktiver Erlebnispfad, der den Weg von den Anfängen des Buchdrucks bis hin zum virtuellen Cyberspace der Jahrtausendwende beschreibt - die Besucher an der Versandhalle vorbei bis ins erste Geschoss der 27 m hohen Rotationshalle. Hier angelangt, können sie die gesamte Anlage durchqueren und dabei Einblicke in die Produktion der Zeitungen von der Papieranlieferung bis zur Abholung nehmen.
Technisches Herzstück der lichtdurchfluteten Produktionshalle sind drei hochmoderne, jeweils 54 m lange und dabei rund 800 t schwere Druckmaschinen der Schweizer Firma WIFAG, von denen weltweit erst wenige im Einsatz sind und die bei voller Drehzahl rund 120000 Zeitungen pro Stunde ausstoßen. Wichtigster Anlaufpunkt des Besucher-Parcours ist deshalb eine eigens geschaffene Aussichtsplattform, die neben einer imposanten Sicht auf die haushohen Druckmaschinen auch noch einen Rundum-Blick auf den nahen Nord-Ostsee-Kanal, die Autobahn-Hochbrücke sowie die 1913 in Betrieb genommene stählerne Eisenbahn-Hochbrücke in Rendsburg bietet.
Abgeschlossen wird das Gelände des Druckzentrums durch einen massiven, dunklen Sockelbereich für die Ver- und Entsorgung und dem sich daran anschließenden Papierlager, in dem sich auf einem computergesteuerten Hochregal bis zu 800 der durchschnittlich rund 1,2 t schweren Papierrollen unterbringen lassen. Vor ihrem Einsatz werden die riesigen Kolosse mit Gabelstaplern auf ein EDV-gelenktes Schienensystem geladen und anschließend zunächst zu einer Auspackstation und von dort in ein Zwischenlager befördert. Hier angelangt heißt es dann langsam die Poren öffnen. Für Nachrichten aus aller Welt.
Mitarbeiter: Tatjana Pietsch, Gil Coste, Christina Classen, Ulrich Treppesch, Michael Langwald, Lutz Gnosa, Luca Canali, Peer Weiss
Projektleitung: Stefan Hofmann
Bauherr: Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag
Objekt: Druckzentrum des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages sh:z
Standort: Büdelsdorf, Fehmarner Straße
Bauleitung: Joachim Sgodda
Generalplaner: Produktion KSW Architekten und Ingenieure, Kuchaida, Schrader, Willing, Achim
Statik: Wittler Büro für Bauwesen
Freianlagen: Bendfeld·Schröder·Franke, Kiel
Baubeginn: Dezember 1999
Grundstücksgröße: 80000 qm
Überbaute Fläche: 11150 qm
Flächen BGF: Produktion 11500 qm, Verwaltung: 1000 qm
Fertigstellung: August 2001
Baukosten: 65 Mio. EUR