DBZ 1/2003

     
     
     

Gestapelt

     

City Container von MVRDV

         
   

Für die vom 7. Mai bis zum 7. Juli in Rotterdam geplante Architektur-Biennale wollen die Planer von MVRDV eine temporäre Stadt aus Tausenden von übereinander und nebeneinander gestapelten Hafen-Containern errichten. Die als Wahrzeichen und zentraler Veranstaltungsort der Biennale konzipierten "City Container" bieten den Veranstaltern und Besuchern rund 3500 Nischen zum Schlafen, Essen, Konferieren und Ausstellen.
Sturm und Drang wohin das Auge blickt: Als größte Hafenstadt der Welt wird Rotterdam seit jeher durch die Wassermassen der Maas und durch das Ein- und Auslaufen unzähliger Frachtschiffe geprägt. Der ideale Ort also für die diesjährige Internationale Architektur-Biennale zum Thema Mobilität. Zentrale Fragestellung der erstmalig in den Niederlanden organisierten, von Francine Houben von den Delfter Mecanoo Architekten geleiteten Veranstaltung ist die veränderte Rolle von Architektur und Städtebau im Zeitalter von Globalisierung und Digitalisierung.
Architektonischer Mittelpunkt und gleichzeitig Austragungsort zahlreicher Aktivitäten und Veranstaltungen der Biennale soll die Installation "City Container" der Rotterdamer Architekten MVRDV werden. Zur Realisierung des Projektes will die Gruppe um Winy Maas, Jacob van Rijs und Nathalie de Vries rund 3500 Hafen-Container vorübergehend dem weltweiten Warenfluss entziehen lassen und sie anschließend in einen urbanen Mega-Container im Maßstab einer realen Stadt verwandeln. Innerhalb des riesigen "Bienenkorbes" ("bee-hive") aus übereinander und nebeneinander gestapelten Containern planen die Architekten für die Dauer von zwei Monaten eine temporäre internationale Akademie für die Besucher der Architektur-Biennale mit Hotelzimmern, Konferenzräumen, Büroeinheiten, Galerien, Ateliers und Schulräumen. Zur Freizeitgestaltung sind in den "City Containern" außerdem Geschäfte, eine Sauna, Restaurants und Bars vorgesehen.
Konzept
Die am Nordufer der Maas, auf den Docks zwischen Schiehaven und Loydpier geplante Containerstadt besteht aus 15 übereinander gestapelten Wohnebenen, die über leuchtend bunt gestrichene Außengalerien, Hebebühnen und Treppen erschlossen werden. Die Intimität der einzelnen Waben wird dabei fließend mit dem großen Ausmaß der Halle verbunden. Um den mobilen Charakter der Hilfe von Licht, Ton, Farbe und Bewegung inszenierten Megastruktur noch zu forcieren, soll ein Teil der Container zusätzlich auf Schienen montiert werden. An bestimmten Stellen ergeben sich so riesige "Fenster" zur Umgebung, durch die hindurch die Besucher über das Wasser der Maas blicken können. Zum Überspannen dieser "Fenster" sollen Reihen von jeweils sechs Containern durch Stahlseile miteinander verbunden werden.
Innerhalb der westlichen Zivilisation werden mobile bzw. nomadische Lebensformen wie das Wohnen in Zelten oder Hütten bis in die Gegenwart hinein als eher exotisch angesehen. Das Maß an Sesshaftigkeit einer jeweiligen Kultur wird dabei nahezu gleichgesetzt mit ihrem Grad an Zivilisation. Vor dem Hintergrund einer sich permanent in Bewegung befindlichen Welt mit stundenlangen Fahrzeiten, zunehmender Bevölkerung und damit einhergehenden riesigen Menschenbewegungen stellt sich die Frage nach dem Stellenwert von Mobilität innerhalb von Architektur und Städtebau jedoch völlig neu. Das Projekt der Rotterdamer City Container entwirft in diesem Zusammenhang ein radikales Gedankenmodell, mit dem sich Wohnen, Arbeiten und Freizeit flexibel den jeweiligen Lebensumständen und damit dem Wunsch bzw. Druck nach höherer Mobilität anpassen lassen.
Wie sich die Idee der Übereinanderstapelung von städtebaulichen Funktionen auf einen wesentlich größeren Maßstab übertragen lässt, haben die Architekten von MVRDV zuvor schon in ihrem Buch Farmax beschrieben. In ihrer Video-Animation "Metacity/Datatown" fragten sie anschließend: "Wie können wir die Stadt in Zeiten der Globalisierung und Bevölkerungsexplosion verstehen?" und entwickelten daraufhin eine auf mehreren vertikalen Ebenen organisierte Megapolis für rund 250 Millionen Einwohner. Die gesamte Bevölkerung der USA in einer einzigen Stadt!
Entwurf: MVRDV, Rotterdam; Winy Maas, Jacob van Rijs und Nathalie de Vries mit Marc Duzan Doepel, Cord Siegel und Jesse Wark Joubert
Bauherr: 1 ab Rotterdam, Wim Noordzij und Aron Betsky; Stadt Rotterdam, Leo van Tilburg
Objekt: City Container für die Architektur-Biennale 2003 in Rotterdam
Standort: Loydpier, Rotterdam
Ausführung: Pieters Bouwtechniek, Delft, Jan Versteegen mit IOB, Rotterdam, Jaap van der Bom