DBZ 8/2002

Recht+Büro

     
     

Sicherheit auf der Baustelle - die DIN 4426

     

Auf Baustellen in Deutschland ist die Unfallhäufigkeit mehr als doppelt so hoch wie im Durchschnitt der gewerblichen Wirtschaft. Unfälle auf Baustellen haben im Vergleich zu den Unfällen in anderen Wirtschaftszweigen meist deutlich schwerere Folgen.

 

 

Dies ist auch unter Berücksichtigung der besonderen Bedingungen nicht unabwendbar. Europaweite Untersuchungen haben ergeben, dass ca. 35% der Unfälle am Bau auf Planungsfehler, 28% auf mangelnde Organisation und 37% auf Fehler bei der Bauausführung zurückzuführen sind. Hier setzt die neue Baustellenverordnung an. Ihre Anwendung soll die Voraussetzungen für eine Verbesserung von Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten auf Baustellen schaffen.
Baustellenverordnung
Adressat der Baustellenverordnung ist der Veranlasser eines Bauvorhabens (Bauherr), er trägt die oberste Verantwortung für das gesamte Bauvorhaben.
Als Bauherr hat er je nach Art und Umfang des Bauvorhabens mindestens einen Koordinator für die Planung der Ausführung und die Ausführung selbst zu bestellen, wenn zu erwarten ist, dass auf der Baustelle Beschäftigte mehrerer Arbeitgeber tätig werden. Der Einsatz von Nachunternehmern, die Teilleistungen, z.B. die Elektroinstallation, im Rahmen des Gesamtbauvorhabens selbständig ausführen, bedeutet das Vorhandensein mehrerer Arbeitgeber.
Eine der wichtigsten Einzelaufgaben des Koordinators während der Planung und der Ausführung des Bauvorhabens ist, neben der Erstellung eines Sicherheits- und Gesundheitsschutzplanes, die Beratung zu bleibenden sicherheitstechnischen Einrichtungen für die spätere Wartung und Instandsetzung sowie das Zusammenstellen der erforderlichen Angaben für die sichere und gesundheitsgerechte Durchführung späterer Arbeiten.
Während der Ausführung des Bauvorhabens hat der Koordinator auch für die Fortführung und Fertigstellung der erforderlichen Angaben für die sichere und gesundheitsgerechte Durchführung der späteren Arbeiten zu sorgen.
Spätere Arbeiten im Sinne der Baustellenverordnung umfassen insbesondere vorhersehbare Arbeiten an baulichen Anlagen, wie die Instandhaltung, bestehend aus Wartung, Inspektion und Instandsetzung, bzw. die betriebliche und bauliche Erhaltung von Infrastrukturanlagen.
Regeln zum Arbeitsschutz auf Baustellen
Mit den Regeln zum Arbeitschutz auf Baustellen (RAB) werden die Bestimmungen der Baustellenverordnung (BaustellV) konkretisiert, sie spiegeln den Stand der Technik bezüglich Sicherheit und Gesundheitsschutz auf Baustellen wider.
Vom Ausschuss für Sicherheit und Gesundheitsschutz auf Baustellen (ASGB) sind bislang drei Regeln verabschiedet worden, es sind dies die RAB 10 -"Begriffsbestimmungen", die RAB 30 -"Geeigneter Koordinator" und die RAB 31 -"Sicherheits- und Gesundheitsschutzplan - SiGePlan".
Die RAB 31 beschreibt z.B. Anforderungen an Inhalt und Form eines Sicherheits- und Gesundheitsschutzplanes.
Unterlage
Die Unterlage muss u.a. alle Merkmale des Bauwerkes enthalten und sichere Arbeitsplätze und Verkehrswege für spätere Arbeiten beschreiben. Mit der Unterlage soll so noch vor der Ausschreibung der Bauleistungen ein Konzept für sichere und reibungslose Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten geschaffen werden. Dem Bauherrn wird damit eine größere Transparenz des laufenden Unterhaltsaufwandes und der Kosten geboten.
Landesbauordnung (LBO)
Beim Planen und Errichten von Gebäuden gilt es zunächst, die Landesbauordnung einzuhalten, das Bauordnungsrecht enthält die grundlegenden Festlegungen, nach denen gebaut werden muss. Die Grundlage der Landesbauordnungen ist die Musterbauordnung. Die Arbeitsstättenverordnung gibt an, welche zusätzlichen Vorschriften noch zu berücksichtigen sind. Dabei können Bauordnungsrecht und Arbeitsschutzvorschriften nicht voneinander losgelöst betrachtet werden.
Für die Reinigung von Fenstern heißt es in der Musterbauordnung (MBO) z.B.:
"Können die Fensterflächen nicht gefahrlos vom Erdboden, vom Innern des Gebäudes oder von Loggien und Balkonen aus gereinigt werden, so sind Vorrichtungen wie Aufzüge, Halterungen oder Stangen anzubringen, die eine Reinigung von außen ermöglichen."
DIN 4426
Auf Grundlage der Verordnung über Sicherheit und Gesundheitsschutz auf Baustellen (Baustellenverordnung - BaustellV) vom 10. Juni 1998 sind bei Ausführungsplanung und Vorbereitung des Bauprojekts allgemeine Grundsätze zur Verhütung von Gefahren für Sicherheit und Gesundheit zu berücksichtigen.
In Erfüllung dieser Aufgabe ist der Bauherr größerer Bauvorhaben verpflichtet, eine Unterlage zusammenzustellen, die den Merkmalen des Bauwerkes Rechnung trägt und zweckdienliche Angaben in Bezug auf Sicherheit und Gesundheitsschutz enthält, die bei evtl. späteren Arbeiten (Instandhaltung) zu berücksichtigen sind.
Allgemeine Anforderungen zur Instandhaltung baulicher Anlagen sind in den Bauordnungen der Länder enthalten und werden hinsichtlich der Gestaltung von Arbeitsplätzen und Verkehrswegen durch diese Norm konkretisiert.
Die Norm enthält sicherheitstechnische Festlegungen im Sinne des Gesetztes über technische Arbeitsmittel (Gerätesicherheitsgesetz). Sie ist auf bauliche Anlagen anzuwenden, für die mit der Planung der Ausführung nach Inkrafttreten dieser Norm begonnen wurde. Gegenüber der DIN 4426, Ausgabe 1990, wurden der Anwendungsbereich präzisiert und die Begriffe neu festgelegt.
Anwendungsbereich
Die Norm ist anzuwenden auf Planung und Ausführung von dauerhaft installierten Arbeitsplätzen, Verkehrswegen und anderen Einrichtungen auf Dächern und an Fassaden-, Fenster- und Glasflächen baulicher Anlagen, die bei Wartungs- und Inspektionsarbeiten sowie bei kurzzeitigen Instandsetzungsarbeiten auf Dächern genutzt werden.
Die Norm gilt auch für dauerhaft installierte Verankerungen an Fassaden für Gerüste.
Die Norm gilt nicht für vorübergehend eingerichtete Arbeitsplätze, Verkehrswege oder Absturzsicherungen, hierfür gelten die entsprechenden Arbeitsschutzbestimmungen, sie gilt auch nicht für allgemein zugängliche Arbeitsplätze und Verkehrswege, die den Anforderungen der Bauordnungen der Länder unterliegen.
Arbeitsplätze und Verkehrswege, die für die Durchführung von Schornsteinfegerarbeiten erforderlich werden, sind in DIN 18160-5 beschrieben.
Begriffe
  • Unter dem Begriff Instandhaltung verbergen sich Maßnahmen zur Bewahrung und Wiederherstellung des Soll-Zustandes sowie zur Feststellung und Beurteilung des Ist-Zustandes. Die Maßnahmen beinhalten Inspektion, Wartung und Instandsetzung.
  • Inspektionen sind Maßnahmen zur Beurteilung des Ist-Zustandes.
  • Unter Wartung sind Maßnahmen zur Bewahrung des Soll-Zustandes, hierzu zählen alle Arbeiten, die in regelmäßigen Abständen von weniger als drei Jahren durchgeführt werden, wie z.B. Reinigungsarbeiten an Gebäudefassa den, an Glasflächen und Fenstern, Arbeiten an Sonnenschutzanlagen, Lüftungsanlagen, Flugbefeuerung oder Rauch- und Wärmeab zugsanlagen (RWA), subsummiert.
  • Instandsetzungsarbeiten sind Maßnahmen zur Wiederherstellung des Soll-Zustandes, wobei kurzzeitige Instandsetzungsarbeiten auf Dächern solche sind, bei denen der Gesamt umfang der Dacharbeiten nicht mehr als zwei Personentage umfasst.
Arbeitsplätze und Verkehrswege
Grundsätzlich müssen die in dieser Norm beschriebenen Arbeitsplätze und Verkehrswege dauerhaft installiert sein, Abweichungen sind nur für kurzzeitige Wartungs- und Inspektionsarbeiten möglich. Bei der Planung und Konstruktion der Arbeitsplätze sind neben der Eigenart der Arbeit und dem Einsatz von Hilfsmitteln auch ergonomische Anforderungen zu berücksichtigen. So ist eine Erreichbarkeit der zu bearbeitenden Bauteile z.B. nur dann gegeben, wenn diese in den von der Norm vorgegebenen Bereichen liegen. Verkehrswege dürfen ein vorgegebenes Lichtraumprofil nicht unterschreiten.
Damit ein Absturz von Personen verhindert wird, müssen an den Arbeitsplätzen und Verkehrswegen Einrichtungen vorgesehen werden, die dies verhindern. Umwehrungen haben bei der Auswahl der Einrichtungen Vorrang vor Anschlag einrichtungen für persönliche Schutzausrüstungen.
Dächer
Dachflächen dürfen als Arbeitsplätze und Verkehrswege nur genutzt werden, wenn der Nachweis der Durchsturzsicherheit erbracht wurde oder die Dachflächen aus Deckungen nach allgemein anerkannten Regeln der Technik bzw. Dachabdichtungen oder Dachdeckungen auf oder über Schalung oder anderen tragfähigen Unterlagen bestehen.
Hierbei gilt zurzeit ein gelattetes Dach als tragfähige Unterlage für eine Dachdeckung, wenn für die Dachlatten der Sortierklasse S10 Nennquerschnitte von 24x48 mm bis zu einem Sparrenabstand von 70 cm, 30x50 mm bis zu einem Sparrenabstand von 80 cm oder 40x60 mm bis zu einem Abstand von 100 cm verwendet wurden.
Werden die Entwürfe der DIN 1052 und DIN 4074 wie geplant verabschiedet, gilt ein gelattetes Dach zukünftig nur dann als tragfähig, wenn für die Dachlatten Nennquerschnitte von 24x48 mm bis zu einem Sparrenabstand von 70 cm und einem Lattenabstand bis zu 17 cm in der Sortierklasse S13, 24x60 mm bis zu einem Sparrenabstand von 80 cm in der Sortierklasse S13, 30x50 mm bis zu einem Sparrenabstand von 80 cm in der Sortierklasse S10 oder 40x60 mm bis zu einem Sparrenabstand von 100 cm in der Sortierklasse S10 verwendet wurden
Nicht planmäßig begehbare Dachverglasungen z.B. dürfen zu Reinigungszwecken nur dann begangen werden, wenn für die Verglasung ein bauordnungsrechtlicher Verwendbarkeitsnachweis vorgelegt werden kann und die in der Norm aufgeführten weiteren Bedingungen erfüllt worden sind.
Der Nachweis der Durchsturzsicherheit kann z.B. durch eine Prüfung nach berufsgenossenschaftlichen Prüfgrundsätzen erbracht werden.
Dächer mit flachen Neigungen
Für Arbeiten auf flach geneigten Dächern und Flachdächern müssen dauerhafte Einrichtungen eingebaut werden, die es gestatten, Umwehrungen an den Absturzkanten anzubringen.
Hochklappbare Umwehrung auf dem Flachdach an der Absturzkante
Ausnahmen von dieser grundsätzlichen Forderung sind auch hier in der Norm beschrieben. So darf z.B. auf diese Einrichtungen an Lichtkuppeln und Lichtbändern verzichtet werden, wenn andere Maßnahmen getroffen worden sind, z.B. die Montage von ausreichend tragfähigen Unterspannungen, die ein Abstürzen von Personen verhindern.
Dächer mit steilen Neigungen
Auf steiler geneigten Dächern können Umwehrungen zum Schutz gegen Absturz nicht verwendet werden. Um die Forderung nach sicheren Arbeitplätzen dennoch erfüllen zu können, sind Sicherheitsdachhaken nach DIN EN 517 einzubauen. Die Sicherheitsdachhaken lassen sich zum Einhängen von Dachdecker-Auflegeleitern als Arbeitplatz und Anschlagpunkt für persönliche Schutzausrüstung verwenden.
Auf größeren Dachflächen sollte eine Reihe Sicherheitsdachhaken unterhalb des Firstes und eine Reihe oberhalb der Traufe angebracht werden.
In Ausnahmen dürfen vorhandene Einrichtungen für Schornsteinfegerarbeiten nach DIN 18160-5 verwendet werden, wenn Einrichtungen zur Sicherung gegen Absturz vorhanden sind.
Fassaden und Fenster
Auch für Wartungs- und Inspektionsarbeiten an Fassaden und Fenstern müssen feste Arbeitsplätze eingerichtet werden, wenn die Arbeiten nicht von allgemein zugänglichen Flächen aus durchgeführt werden können. Diese Arbeitsplätze können z.B. Fassadenbefahranlagen, Reinigungsbalkone oder Fassadenaufzüge sein. In Ausnahmen dürfen für die auszuführenden Arbeiten hochziehbare Personenaufnahmemittel eingesetzt werden. Wenn die baulichen Voraussetzungen und ausreichende Stellfläche vorhanden sind, dürfen bei entsprechenden geeigneten Arbeitsmethoden aber auch Hebebühnen und Gerüste benutzt werden.
Grundsätzlich sind auch für diese Arbeitsplätze Umwehrungen vorzusehen. Lassen jedoch gestalterische und konstruktive Gegebenheiten einer Fassade eine Umwehrung nicht zu, dürfen die Arbeiten unter Beachtung besonderer, in der Norm aufgeführter Bedingungen auch unter Verwendung von persönlicher Schutzausrüstung durchgeführt werden.
Verankerungen von Gerüsten an Fassaden
Für eine mögliche, nachträgliche Einrüstung von Gebäudeteilen mit Fassadengerüsten sind bei bekleideten Außenwänden dauerhaft eingebaute Verankerungsvorrichtungen vorzusehen.
Dokumentation
Im Nutzungskonzept des Gebäudes sind auch Angaben zur Nutzung der nach dieser Norm angebrachten Einrichtungen zu dokumentieren, hierzu gehört z.B. auch die Beschreibung der Lage von Verankerungsstellen für Fassadengerüste oder besondere Verwendungshinweise bei sonst nicht unbedingt üblichen, besonderen Arbeitsplätzen. Diese Dokumentation sollte Bestandteil der nach der Baustellenverordnung geforderten Unterlage sein.

Dipl.-Ing. Michael Lethe, Berlin