Zur Sprache bringen. Kritik der Architekturkritik

 

 

An kritischer Literatur zu Fragen der Kunstkritik, Literaturkritik, Musikkritik etc. mangelt es sicherlich keinesfalls. Nicht so gut ist die Situation, was das Selbstverständnis der Architekturkritik betrifft. Mit der Veröffentlichung der in dem Band „Zur Sprache bringen“ versammelten Vorträge, die auf eine Tagung der Cottbuser Architekturzeitschrift „Wolkenkuckucksheim“ im Oktober 2002 zurückgehen, haben sich die Herausgeber vorgenommen, diese Situation zu verbessern. Die Arbeiten der Autoren sollen neue Akzente in der Diskussion über die Aufgabe und Funktion einer zeitgemäßen Architekturkritik setzen.

Diese Intention wird von Ulrich Conrads selbst auch in seinem Nachwort des Bandes angesprochen. Er weist darauf hin, dass die Architekturkritik der letzten Jahre Gefahr lief, „zur Hofberichterstattung potenter wie präpotenter Starbüros degeneriert“ zu werden. Allerdings soll der Band nicht nur dazu beitragen, die Architekturkritik vor einem solchen Absturz zu bewahren, sondern auch bewirken, dass überhaupt wieder eine Diskussion über die Aufgaben und Grenzen der Architekturkritik geführt wird.

Eine besondere Aufmerksamkeit verdient hier vor allem die Frage der Vermittlung von Architektur in den großen Tages- bzw. Wochenzeitungen. Über deren Möglichkeiten und Schwierigkeiten berichtet der in der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ tätige Architektur-Journalist Manfred Sack. Seine Aufgabe, einer breiten Öffentlichkeit das gesamte Spektrum des aktuellen Baugeschehens nahezubringen, erfordert jedoch über die eigentliche Kritik hinausgehend, wie er sagt, vornehmlich die ausführliche und sicherlich auch gekonnte Beschreibung von ausgewählten Objekten der Architektur sowie den unterschiedlichen Themen der Baupolitik, um überhaupt erst ein Bewusstsein für die gebaute Umwelt zu schaffen.

Das Problem, gegen das der Kritiker anzukämpfen hat, ist, dass die Menschen heute zwar jeden Tag mit Architektur konfrontiert sind, aber trotzdem diese kaum noch wahrnehmen. Allerdings darf der Kritiker, wie Sack ihn versteht, nicht den Fehler machen, seinem Publikum die Architektur in gut zu lesenden Artikeln als rein ästhetisch interpretierte Baukunst schmackhaft zu machen, denn sie ist und bleibt vor allem eine unseren Alltag gewährleistende Gebrauchskunst.

Mit der Frage, welche Bedeutung dem Schreiben über Architektur zukommt, beschäftigt sich auch Claudia Schwartz am Beispiel des Aufbaus der neuen Hauptstadt Berlin. Sie zeigt dabei auf, dass durch den enormen Diskussionsbedarf in diesem Zusammenhang die Reichweite der Kritik über die übliche engere Beschreibung einzelner Objekte hinausging und insbesondere das Thema der symbolischen Bedeutung der Architektur Berlins einschloss, womit Architekturkritik als Gesellschaftskritik verstanden wurde und, aufgrund der unter den besonderen Umständen geforderten demokratischen Einstellung der Beteiligten, unmittelbar auf die entstehende Architektur der deutschen Hauptstadt einwirken konnte.

Allerdings ist von dieser besonderen Situation, wie Axel Schultes es in seinem Beitrag im Hinblick auf das Berliner Stadt-schloss analysiert, nicht viel übrig geblieben. In der zum Stadtschloss geführten Debatte konnte die professionelle Kritik trotz ihrer Rechtschaffenheit, so Schultes, keine Wirkung entfalten und musste sich gegenüber der „unausrottbaren Berliner Schusterhaftigkeit“ geschlagen geben.

Sowohl in den großen Zeitungen als auch in den Fachzeitschriften behandelt die Architekturkritik in erster Linie das, was allgemein als vorbildlich oder aus sonstigen Gründen als hervorragend in Erscheinung tritt. Wilfried Dechau, Chefredakteur der „Deutschen Bauzeitung“, weist in seinem Beitrag darauf hin, dass es sich dabei aber nur um einen verschwindend kleinen Teil des gesamten Bauvolumens handelt.

Dem gegenüber befindet sich der überwiegende Teil, zu dem auch „all die anheimelnd gemütlichen Scheußlichkeiten“ gehören, die in unserer Provinz die gebaute Umwelt entscheidend prägen können, weil es keine kritische Instanz gibt, die sich der zunehmenden Verbreitung solcher geschmacklichen Verirrungen entgegenstellt. Aus diesem Grunde fordert Dechau, ein „Graubuch“ einzuführen, um die viel zu lange stillschweigend geduldeten Abscheulichkeiten des Bauens endlich ins Licht einer öffentlichen Kritik zu rücken.

Für Heidede Becker kann sich die Architekturkritik aber auch außerhalb der Fachzeitschriften einer breiten öffentlichen Debatte stellen und hier eine Funktion als Seismograph für Fehlentwicklungen erfüllen. Ihr Interesse gilt dabei auch dem Grundproblem der Architekturkritik, nämlich dass diese sich in ihrem Geschäft weder auf ein von allen akzeptiertes ästhetisches Ideal noch auch eine unumstrittene Kontrollinstanz berufen kann. Dass sie dennoch, besonders unter der Bedingung der Globalisierung eine wichtige Rolle in der gesellschaftlichen Vermittlung beispielsweise von Stadtbildungsprozessen spielt, zeigt Ute Lehrer in ihrem Beitrag. Sie plädiert dafür, Architekturkritik mit gesellschaftspolitischen Fragen zu verknüpfen und sie nicht nur im Feuilleton, sondern auch im Lokalteil der Zeitungen zu veröffentlichen, um ihre Verbreitung und Wirkung auf diese Weise zu erhöhen.

Mit der Frage der Wirkung und dem Qualitätsproblem des architekturkritischen Urteils beschäftigen sich auch die Beiträge von Jörg Schnier und Heinz Meyer. Beide versuchen, den Status bzw. den Stellenwert des architekturkritischen Urteils im Feld der sonstigen Urteilssorten zu ermitteln. Das Ziel dabei ist, einen Kanon pragmatischer Richtlinien für Kritik einzuführen, damit die Arbeit der Kritik in die Lage versetzt werden kann, einen überzeugenden Beitrag zur Verbesserung der ästhetischen Qualität im Bauen zu leisten.

Die Vermittlung von Architektur ist nicht nur eine Angelegenheit von Zeitungen und Fachzeitschriften, sondern spielt für alle Beteiligten der Architektur eine wichtige Rolle. Die Architekturkritik kann auch eine es-sentielle Bedeutung für den Architekten selbst haben, wie Christian Gänshirt in seinem Beitrag zeigt, indem er vorschlägt, die Architekturkritik einmal als Ausgangspunkt für ein neues Entwurfsprojekt zu betrachten. Hiermit könnte wertvolle Arbeit zur Verbesserung der Architektur geleistet werden.

Eine besondere Form der Vermittlung findet sich in dem Beitrag von Eduard Führ. Der Architekturkritiker, der seit dem 18. Jahr-hundert infolge der zunehmenden Distanz zwischen Architekt und Publikum gebraucht wurde, um letzteren die Architektur zu erklären, versteht sich im Modell von Führ aber nicht als Berater von an sich passiven Nutzern, sondern als Vordenker, der die Architektur in ein Handlungsfeld bzw. Handlungsinstrument transformiert, so dass eine Dimension konstruktiver Aktivität entsteht, in der Bau und Nutzer miteinander vermit-telt werden können. Führ betrachtet Architektur insofern nicht als vom Architekten vorgegebenes Bauwerk, in das ein Nutzer sich einzurichten hat, sondern als Gebrauchswerk. In dieser Konzeption geht das Bauen nicht mehr dem Wohnen voraus, sondern beides muss als gleichursprünglich betrachtet und in dieser Perspektive gestaltet werden.

Das Hinausgehen über die mediale Vermittlung von Architektur erfordert die Absteckung der Grenzen der Architekturkritik. In einigen Texten werden diese Grenzen jedoch auch überschritten, ohne dass dies immer eigens gerechtfertigt wird. Während James McQuillian in einer die Architekturkritik mit architekturtheoretischer Ideengeschichte erweiterten Perspektive über die Verschiebung der „kritischen Ordnung“ in der Architektur spricht und dabei aus der Geschichte der Architekturtheorie eine neue Version von Architekturkritik ableitet, erweitert Köppler sein Thema mit architekturtheoretischen und architekturgeschichtlichen Überlegungen, wenn er der Moderne der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine rein physisch verstandene Kultur bescheinigt und von der Fortsetzung des Projekts der Moderne in Form einer Zweiten Moderne eine deutliche Akzentuierung des geistigen Anteils der Kultur fordert.

Da dieser Beitrag, gewollt oder nicht gewollt, eine vollständig befriedigende Antwort auf die Frage des Unterschieds der Aufgaben von Architekturkritik und Architekturtheorie sowie ihrer jeweiligen Zuständigkeiten hinsichtlich der Verwirklichung einer geistigen Statik des Bauens schuldig bleibt, kann er das notwendige weitere Nachdenken hierüber in besonderem Maße provozieren. Die Abgrenzung zwischen Architekturkritik und Architekturtheorie sowie die Verteilung ihrer Aufgaben genau zu bestimmen und zu regeln, ist sicherlich sehr schwierig, weil die Kritik selbst immer eine bestimmte Theorie der Architektur beinhaltet, aber trotzdem eine relevante und folgenreiche Herausforderung, weil sie wesentlich über Legitimation und Identität der zukünftigen Architekturkritik entscheiden kann.

Dr. phil. habil. Hans Friesen

Ulrich Conrads, Eduard Führ, Christian Gänshirt (Hrsg.)
Zur Sprache bringen. Kritik der Architekturkritik
Theoretische Untersuchungen zur Architektur, Bd. 4, 264 S. m. Abb., 29,90 Euro
Waxmann, Münster 2003
ISBN: 3-830-91304-4

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