Zwischen Traum und Trauma. Stadtplanung der Nachkriegsmoderne

 

 

Dass der Schriftsteller Martin Mosebach gleich nach einem einleitenden Vorwort sein Pamphlet zur Situation des deutschen Städtebaus, der deutschen Gegenwartsarchitektur, der Gesamtverfassung der deutschen Planerriege abdrucken darf, wirft auf sämtliche nachfolgende Texte ein bezeichnendes, nicht immer auch treffendes Licht. Mosebachs literarische Qualitäten, die im Vorwort mit filigran, vital und exakt auf irgendeinen Nenner gebracht werden, stehen hier nicht zur Debatte, doch das, was zuerst in der FAZ abgedruckt wurde und was damals mit Recht für wenig Widerrede gesorgt hatte, verstehen die Herausgeber als den Grundton aller dann folgenden Beiträge. Deren vordergründig hermeneutischer Ansatz – wie konnte es nur so weit kommen mit der zweiten Zerstörung unserer Städte – zielt am Ende immer auf die Positionen Lampugnanis oder die von Stimmann (der hier sehr biografisch über Lübecker Verhältnisse schreibt), die ein geordnetes Zurück zur Geschichte (zu welcher aber bloß) in ihren Texten und Planungen und Vorschriften artikulieren.

Doch trotz aller Vorbehalte gegen die Herausgeberschaft (Michael Mönninger: „Vergesst endlich Popper!“) und das Autorenteam, dem kein Theoretiker der Kritischen Theorie, der Postmoderne, der Zweiten Moderne etc. angehört, kein Soziologe, kein praktizierender Architekt, ist die Darstellung der städtebaulichen Entwicklung vor allem in Deutschland als eine Art von psychoanalytischer Deutung der Träume von neuen Städten für eine neue Gesellschaft höchst interessant und, weil eben viel zu selten geübt, erlauben die meisten davon einen Blick auf die auch andere Seite der Modernisten, der Macher, der Planerärztekollektive, die die kranke Stadt nun endlich an der neuen Zeit genesen lassen wollten. Was schief gegangen ist, tatsächlich. Das Bohren vor allem in den schwachen, nicht selten selbstgebastelten Theorie der Nachkriegszeit, die die Zerstörung der Städte als einen Glücksfall ansahen und mit „mechanische Auflockerung“ (Hans Scharoun, 1946) geradezu eiskalt versachlichten, vereinnahmten, vereinfachten, dieses Bohren in den Widersprüchen und Schwachstellen der Selbstbegründungen, basierend auf technoidem Fortschrittsdenken (bis heute) kann dazu führen, die Debatte um den Städtebau heute auf eine breitere Ebene zurückführen. Die damals behaupteten Zusammenhänge zwischen Gesellschaft, Stadtgestalt und Modernisierung allerdings, die hier oft als konstruierte umschrieben werden, sind relevant und ohne Abzüge in heutiges planerisches Handeln miteinzubeziehen. Dass das in den meisten Beiträgen hier anders gesehen wird, war zu erwarten (s. o.). Be. K.

Jörn Düwel, Michael Mönninger (Hrsg.)
Zwischen Traum und Trauma. Stadtplanung der Nachkriegsmoderne
(=Band 10 der Reihe Grundlagen). Mit Beiträgen von Martin Mosebach, Wolfgang Sonne u. a., 248 S., über 150 Abb., 28 €
DOM Publishers, Berlin 2011
ISBN: 978-3-86922-174-8

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