Raum über Zeit

 

 

Wenn große, ja wenn großartige Architektur fertiggestellt ist, fehlt eigentlich immer etwas: die Geschichte des Werdens. Vielleicht hat man sich in der Bauzeit über steigende Kosten aufgeregt oder darüber gefreut, dass die Bauzeiten eingehalten werden und die Eröffnung sich pünktlich nähert. Und ist diese schließlich da und alle laufen staunenden Auges durch die neue Architektur, versteht kaum noch jemand, wie dieses alles hat werden können. Denn das, was wir heute sehen, ist die Summe alles dessen, was vorher an jedem Bautag vollzogen wurde: Fundamente bohren, Wasser pumpen, Wände schalen, Eisen legen, Folien ziehen, Hilfskonstruktionen ausdenken, Mauern mauern, Anstriche … Das Städel Museum in Frankfurt bietet sich wie kaum ein zweites an, diesen Prozeß des Werdens zu dokumentieren.

Und mit Laura J. Padgett gibt es eine Beobachterin dieses Werdens, die sehr unprätentiös aber mit wachem Blick die wesentlichen Dinge auf der Baustelle erfasst hat. Mit ihrer analogen Kleinbildkamera hat sie sich dabei durch Neu- und Altbau treiben lassen, Gespräche mit den Architekten und Bauarbeitern geführt oder mit dem Raum, in welchem sie auf ein besonderes Licht wartet oder zufällig stieß.

Zwei Jahre lang begleitete so die Malerin und Filmemacherin die Baugeschichte des Städel Museums, und ihre Bilder schwanken zwischen schierer Dokumentation der komplexen Bauaufgabe und dem poetischen Erfinden von ganz eigenen Perspektiven auf den Raum, die Raumlandschaften, auf Licht- und Schattenspiele und auf die exquisite Grafik von eigentlich ganz banalen Strukturen. Dass man sich manchmal wünscht, dieses oder jene Foto hätte größer, ein anderes kleiner abgedruckt werden können, macht die Fotoreise durch die jüngste Baugeschichte nicht weniger reizvoll und wichtig! Be. K.

Laura J. Padgett
Raum über Zeit
Dt. / engl., 112 S., 91 Farbabb., 30 €
Kehrer Verlag, Heidelberg 2012
ISBN: 978-3-86828-278-8

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