Schauplatz Berlin. Der Aufbau der neuen Mitte Fotografien von 1987 bis 2011

 

 

Seit langem schon ist der in München geborene Fotograf André Kirchner in der einzigen deutschen Metropole unterwegs; mit der Kamera in der Hand hat er über die Jahre, vielleicht unwissentlich, über die Dokumentation von Ausschnitten und der Produktion von Ausschnitthaftem auch den Wandel der Stadt dokumentiert.

Die vorliegende Publikation zeigt eine Auswahl aus diesem Schauen auf den oder jenen Ort in Berlin, Straßenansichten, Gebäudeporträts, die weniger dem dokumentarischen Ansatz der Architekturfotografie verpflichtet sind, allerdings auch nicht dem spontanen Zugriff des Straßenfotografens, der Bilder für einen Moment einfängt, Begegnungen auf der Straße, zwischen vor oder hinter Häusern, die meist den Rahmen bilden für eine Geschichte. Denn: Kirchners Bilder sind meist menschenleer, Bewegung ist nur auf dem Wolkenhimmel zu erahnen … wenn überhaupt.

Die Fotografien hat Kirchner nun zu, wie er es nennt, Topogrammen zusammengestellt, Aufnahmen von einem Ort zu unterschiedlichen Zeiten. Manchmal liegen zehn und mehr Jahre zwischen den Blicken, die in diesem Buch immer in eine andere Richtung vom selben Ort aus gehen (oder auf ihn zurück), nicht ein plumpes Vorher Nachher ist hier angestrebt, sondern die Konstruktion einer Kollage. Die kann nun strengen Gesetzmäßigkeite, Serien oder Reihen, folgen, sie kann auch völlig authonome Bilder zu einer setzen, die erst in diesem Nebeneinander ihre Geschichte enthüllen, ihre Texte sichtbar machen.

Sieben mehr oder weniger bekannte Orte in der Mitte Berlins hat der Fotograf gewählt, den Pariser Platz mit dem Brandenburger Tor, den Potsdamer und Leipziger Platz, Checkpoint Charlie/Ecke Zimmerstraße oder die Schlossfreiheit und den Werderschen Markt. Die Aufnahmen stammen aus den Jahren 1987 bis 2011 und dokumentieren nicht bloß die Veränderungen, die Berlin in den letzten Jahren hat hinnehmen müssen, sie führen auch an die Ränder unserer Wahrnehmung, die ja doch immer sehr schnell erreicht sind.

Damit ist das Wesentliche dieser Bilderschau gar nicht das einzelne Foto, das als einzelnes durchaus banal daherkommen kann, es ist wie so oft sonst auch der andere, der neue Blick auf Gewissheiten, die schnell zerfallen. Auch die zeitliche Einordnung mancher Aufnahme fällt da schwer, manches Mal hätte man sich um Jahre vertan bei der Einschätzung des Aufnahmedatums.

Über einen guten, kurz und knapp verfassten Einleitungstext hinaus geben die den Topogrammen vorangestellen Texte Kirchners einen schönen Blick in Hintergründe und kleine Geschichten der Orte, die dann fotografiert folgen. Dass hier das Layout mit ziemlich platt gesetzten Bildunterschriften dem Ganzen dann die raue Oberfläche verleiht, die manche Bilder sehr subtil erzeugen, wäre sicherlich vermeidbar gewesen, so erinnern sie an Typografien der hinter uns liegenden Jahrzehnten. Be. K.

André Kirchner
Schauplatz Berlin. Der Aufbau der neuen Mitte Fotografien von 1987 bis 2011
128 S., 54 Farb- u. 141 sw-Abb., 33 €
Nicolai, Berlin 2012
ISBN: 978-3-89479-716-4

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