Skulpturales Bauen

 

 

Ob es daran lag, dass der Vater Steinmetz war? Hermann Rosa (1911-1981) jedenfalls wurde Bildhauer. Er hinterließ ein übersichtliches Werk, denn im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen arbeitete er extrem langsam. Und: Für den Zeitraum von 15 Jahren unterbrach er seine bildhauerische Arbeit, um als Architekt zu arbeiten. Das heißt, als Bildhauer, der sich an vier architektonische Aufgaben machte: zwei Atelierhäuser, der Umbau einer Wohnung und schließlich sein letztes, heute jedermann zugängliches Atelier in der Osterwaldstrasse 89 in München (www.atelierrosa.de).

Dass er hier, bei diesen Bauten bildhauerisch und nicht architektonisch arbeitete und dachte macht sich an vielem fest; schon daran, dass die Ateliers und der Umbau so unglaublich langsam fertiggestellt wurden, weil das Meiste reine Handarbeit war: Beton mischen, Holz sägen, Beton schleppen, Gläser schleppen, die Schalung fertigen, die Möbel fertigen usw. Wie ein Künstler mit Ton einer Plastik etwas hinzufügt und wieder fortnimmt, so fügte und reduzierte Rosa seine Architekturen. Raum wollte er schaffen, von Licht und Oberflächen und Volumen geformten Raum. Und dieser forschenden Haltung hatten sich alle anderen, heute scheinbar so wichtigen Dinge wie Bequemlichkeit, Funktionalität, sowie insbesondere die Rationalität des Bauprozesses unterzuordnen; Rosa war – und das ist auch seinen Äußerungen zu entnehmen – ein unbedingter Geist, dem man folgen konnte oder nicht.

Nun gibt es – nicht in einem der zahlreichen renommierten Münchener Verlage – im Schweizer Niggli Verlag ein wunderbares Buch, dessen Inhalt sich wesentlich um die architektonischen Skupturen Rosas dreht. Es dokumentiert die Baustellen der zwei ersten Ateliers, seine Wohnung mit den Möbeln und 55 Plastiken sowie das schon genannte Tageslichtstudio. Wohung und Tageslichtatelier (das man für private Zwecke mieten kann!) bringt uns ein Fotoessay von Jürg Zimmermann mit aktuellen Aufnahmen vom Ganzen bis ins Detail näher, hinzu kommen Skizzen, Baustellen- und Modellfotos sowie für diese Publikation angefertige Pläne. Zu Wort kommen der Herausgeber, Rosa selbst, seine Frau, sein Sohn, Freunde.

Hervorragend gemacht und der Sache kongenial verbunden das Buch selbst, das mit offenem Buchrücken die Seitenbünde (roter Faden) zeigt, sich den Luftfeuchteverhältnissen des Leseortes entsprechend sanft verformt, ein Skizzen und Arbeitsbuch, das schnell Patina ansetzt ohne jedoch seine Form, seine Haltung einem konsumierenden, schnellen Zugriff preiszugeben.

Wer entdecken möchte, wie – etwa parallel zum Upper Lawn Pavillon der Smithsons – Architektur in einem langsamen, handwerklich-künstlerischem Prozeß entsteht, und welche Auswirkungen die Beschleunigung und Pseudorationalisierung der Planung auf die Qualität, die Baukultur heute haben, der muss dieses Buch lesen. Und ganz sicher wird er es, am Ende angekommen nur ungerne aus der Hand lassen. Be. K.

Hermann Rosa
Skulpturales Bauen
180 S., 100 Farb- u. sw-Abb., Zeichnungen u. Pläne, 42 €
Niggli Verlag, Sulgen etc. 2008
ISBN: 978-3-7212-0625-8

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